Aus dem Leben einer Hochsensiblen…..Weltschmerz

…oder: warum Hochsensible eine Art Weltschmerz fühlen und warum die Reizflucht vor der Reizflut in diesem Moment so unwahrscheinlich wichtig ist.

REIZFLU(CH)T

Richtig gelesen – dieses obige Wortspiel kam mir diese Woche in den Sinn. Man füge nur ein „CH“ in das von Hochsensiblen „heißgeliebte“ Wort Reizflut und schon befindet man sich auf der Flucht 🙂

Aber jetzt erstmal zu mir: Mir gehts heute gar nicht gut. Vorhin ging es mir sogar mal richtig scheiße – in einem Blog darf man das so schreiben, oder? 😉 Hochsensible sind meist sehr diplomatisch und vor allen Dingen auch sehr bedacht darauf, mit welchen Worten sie um sich werfen.

Heute Nacht hatte ich sehr gut und intensiv geschlafen und bin fit aufgewacht. Gut – 2 Termine am heutigen Tag – sind machbar. Langsam aufgestanden und den Tag begonnen. Beim Frühstück machen fiel mir schon auf, dass ich heute nicht die allerschnellste bin – in Gedanken als auch in meinen Taten. So Julia – jetzt erstmal eins nach dem anderen. Es macht sich das Gefühl breit, in den Seilen zu hängen, nicht vorwärts zu kommen, es macht sich eine Art Blockade breit.

Im Laufe des Tages begann ich immer mehr zu zweifeln. Zu zweifeln an mir selbst, an allen Leuten, die mir heute so begegneten – eigentlich waren das Zweifel an der ganzen Welt. Meine Schotten gingen alle auf – meine Reiz-Rezeptoren ließen alles rein was man nur so als Reize in sich aufnehmen kann.Man tendiert in diesem Moment sogar dazu, Reize, die auf einen einprasseln, überzubewerten – Annahmen zu treffen, die gar nicht stimmen. Man fühlt sich zu nichts zu gebrauchen. Es mag einfach nichts gelingen, was einem sonst mühelos von der Hand geht. Es machte sich auch schon wieder die negative Gedankenspirale bereit und hatte mir schon befohlen, auf ihr herunterzurutschen. Aber hey – stopp – mit dem Wissen, hochsensibel zu sein, nehme ich diese Gedankenspirale zwar wahr – aber ich muss sie nicht weiterspinnen. Hallo Gedankenspirale – schön, dass du da bist. Du darfst auch gerne hier bleiben. Aber hinunterrutschen muss ich dich nicht. Ich rutsche sehr gerne – immerhin bin ich High Sensation Seeker – aber mir noch mehr solche negativen Gedanken heute zu machen macht wenig Sinn. Ich weiß, dass das Ganze morgen wieder vorbei ist. Ja, das ist tatsächlich so. Und das ist auch gut so. Ich weiß mittlerweile, auf mich selbst aufzupassen und ich weiß, was in dem Moment gut für mich ist.

Was ich im letzten Absatz beschrieben habe, diesen Zustand dieser unglaublichen Reizoffenheit, noch offener als an normalen Tagen von Hochsensiblen, dieses in-sich-aufnehmen sämtlicher Stimmungen von Außen, diesen Zustand nennen Hochsensible auch:

WELTSCHMERZ

Ich konnte mir beim Lesen von Büchern und Literatur zur Hochsensibilität nicht wirklich etwas unter diesem Begriff vorstellen. Vielfach wird er auch einfach nur in die Liste der HS-Merkmale aufgenommen ohne weiter erklärt zu werden. Erst heute wurde mir bewusst, dass diejenigen Tage, an denen ich mich genau so wie oben beschrieben fühle, Phasen von Weltschmerz sind. Ich bekomme den Schmerz der Welt hautnah und ungefiltert – vielleicht sogar noch verstärkt und ganz ungehindert mit. Ich kann mich davor in keinster Weise abschirmen – zumindest nicht an diesem einen Tag, in dieser einen Phase.

Ist es die Phase vom Phönix, wo er zur Asche verbrennt? ist es etwa das Sortieren, Einordnen und Strukturieren der Gedanken eines Hochsensiblen, nachdem er einen Tag mit sehr viel Eindrücken und Erlebnissen hatte? Ich weiß noch immer nicht, wodurch diese Phase von Weltschmerz eingeläutet wird.

phoenix-1

(Quelle: http://i24.photobucket.com/albums/c25/-JuLiAn-/Phoenix-1.jpg)

Entschuldigt meine Gedankensprünge in diesem Beitrag hier, aber die Thematik ist nicht gerade einfach. Ich versuche mich selbst zu reflektieren und zu beschreiben, was gerade in mir vorgeht bzw. was heute in mir vorging. Neben mir liegt ein DinA4-Zettel, der mit Schlagwörtern und Gefühlen versehen ist, ich versuche ihn gerade in diesen Beitrag zu verwandeln.

Bei der Recherche zu diesem Thema habe ich natürlich auch das Wort „Weltschmerz“ bei Google gescannt und bin auf einen sehr interessanten Artikel von Juliane Just gestoßen: „Ich bin (k)ein Sensibelchen„. Darin wird unter anderem auch beschrieben, dass der Weltschmerz der Hochsensiblen nicht mit einer Depression verwechselt werden darf. Man fühlt sich traurig – vielleicht sogar auf die ein oder andere Weise auch niedergeschlagen – man fühlt sich verletzlicher und man hat das Gefühl, gerade an einem solchen Tag wie heute überhaupt nicht lachen zu wollen. Es ist einem einfach nicht danach. Und das ist nicht schlimm. Punkt. Wenn man in diesem Moment nicht möchte, dass andere diese Stimmung mitbekommen, dann kostet es hundertmal so viel Kraft ein Lächeln von sich zu geben… Was mir normalerweise lustigem und fröhlichen Menschen überhaupt nicht schwer fällt – ich lache so unendlich gerne, vor allem mit mir lieben Menschen. Aber an solchen Tagen ist mir einfach nur zum Heulen zumute. Schwermut macht sich breit. Man meint, es befinden sich tausende von Knoten im Gehirn, die im Moment keine Anstalten machen, sich aufzulösen. Eine gewisse Art von Müdigkeit macht sich ebenfalls breit – obwohl ich sehr gut geschlafen habe.

Tja, und dann muss ich an alle Hochsensiblen denken, die nicht wissen, dass sie hochsensibel sind und was Hochsensibilität überhaupt ist. Und da muss ich dann schon wieder „Stopp“ sagen und mir das Gedanken-Stoppschild vor die Nase halten. Ich kann nicht die Welt retten und jedem Hochsensiblen beibringen, wie er am besten mit sich selbst umgehen darf/soll. Schrecklich diese Gedanken, oder?

So – und warum bin ich der Meinung, dass man in genau einer solchen Phase des Weltschmerzes vor der Reizflut flüchten solle? Zumindest so gut es geht. Nun – dies stellt eine Art Selbstschutz dar. Würde man in dieser Phase alle Eindrücke nur in sich hereinprasseln, würden sie einen dreifach oder sogar zehnfach treffen als normalerweise. Man kommt in eine Art Analyserausch – und wenn der einmal eingesetzt hat, kommt man da nicht so schnell wieder weg… Dies ist auch der Grund, warum viele Hochsensible darüber berichten, dass es Tage in ihrem Leben gibt, wo sie ihre Wohnung nicht verlassen möchten, wo sie einfach nur im Bett oder auf der Couch liegen bleiben möchten um ihrem Kopf die Ruhe zu ermöglichen, die er gerade dringend benötigt. Einfach nur an die Wand zu starren ist auch recht beliebt, kein Witz! So können sich alle Gedanken, Eindrücke und Erlebnisse neu einsortieren und Synapsen sich neu bilden. Falls man sich nicht zurückziehen kann erkennt man bei sich die Tendenz, den Leuten nicht mehr in die Augen schauen zu können – dies stellt erneut einen Reiz dar. Es kann auch gut sein, dass man grundlos anfängt zu weinen – oder anfängt zu weinen bei Dingen, die einem normalerweise überhaupt nichts ausmachen. An diesem Tag kann man auch einfach weinen, weil einem ein sehr wichtiger Mensch etwas Liebes geschrieben hat. Das alles mag sich jetzt für Normalsensible oder mit der Thematik nicht vertraute recht fremd anhören, aber mein Gefühl und Intuition sagt mir, dass es genau so sein muss. Ich weiß, wenn ich heute Abend einschlafe und morgen aufwache, dass es mir auf alle Fälle besser gehen wird und sich mein Kopf neu sortiert hat. Ein Gefühl der Frische macht sich breit, die Nebel sind verzogen. Wisst ihr, was mich hier brennend interessiert? Inwieweit sich das Phänomen dieser Reizoffenheit bzw. dieses Weltschmerzes mit einem Migräneanfall deckt bzw. wie es sich davon abgrenzt. Oder hat es gar miteinander zu tun? Ich weiß es nicht – ich habe zumindest noch nie einen Migräneanfall gehabt – auf der einen Seite meiner Verwandtschaft kursiert Migräne allerdings recht häufig. Eine meiner Omas hatte sehr oft Migräne. Nachtrag: Zusammenhang Hochsensibilität & Migräne     Hochsensibilitätsgen von der Migräne-Forschung gefunden?     Migräniker     Allgemeine Info Migräne

Was mir auch durch den Kopf geht bei solchen Phasen ist, dass ich noch so viel zu erledigen habe. Ich bin ja schon so weit, mich nicht zu verurteilen, wenn ich mal etwas nicht erledigt bekomme. In diesem Moment bin ich mir selbst am wichtigsten und muss mich erstmal wieder auf die Reihe bekommen. Thema: das Verschieben von Aufgaben. Was hat Prokrastination mit dem Erleben von Weltschmerz Hochsensibler zu tun?

Was hatte ich eigentlich vorhin gemacht, als es mir überhaupt nicht gut ging? Nun, ich habe mir zuallererst selbst verziehen und die Situation akzeptiert, so wie sie gerade ist. Dann habe ich versucht, meine Fühler nach außen auszustrecken um nicht in meinem eigenen, negativen Gedankenstrudel zu versauern. Danke an 3 meiner Freunde, die mir heute einfach nur zugehört oder mich gelesen haben und mir das Gefühl gegeben haben, dass ich gut bin, wie ich gerade bin. Ich denke, ihr wisst, dass ihr gemeint seid, wenn ihr das hier lest.

Insbesondere eine Person hat mich vor ein paar Minuten wieder an Anatole mit seinem kleinen Topf erinnert, in dem sie fragte: „Hey du, jetzt bist du unter deinen Topf gekrochen, oder? ;-)“ Hm, ja, das bin ich wohl… Danke für diesen Denkanstoß. In dieser Phase des Weltschmerzes machen meine Schotten dicht, ich gehe mit Scheuklappen durch die Welt und bin nach innen gekehrt. Normalerweise bin ich ein Mensch, den es sehr interessiert, wie es meinen Lieben um mich herum geht – allerdings nicht in solchen Momenten 😦 Noch etwas ganz wichtiges: Ich befinde mich gerade nicht in der Überstimulation! Das ist ein etwas anderes Gefühl – und die Abgrenzung von Weltschmerz Überstimulation könnte man in einem anderen Beitrag unter die Lupe nehmen.

Mit einem – wie ich finde – wunderbaren Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe möchte ich mich für heute verabschieden und wünsche euch einen guten Start in die neue Woche!

Liebe Grüße, Julia

https://spiritualrebels.wordpress.com/2015/08/06/522/

Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Ueberfällt die fremde Fühlung
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsterniß Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt,

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Johann Wolfgang von Goethe, Interpretation

PS.: Der angehängte Link zur Gedichtsinterpretation lässt ja noch seeehr viel Spielraum offen. Vielleicht verstehen ja auch nur Hochsensible dieses Gedicht, wer weiß? 😉

PPS.: Wer das Gedicht „Im Nebel“ von Hermann Hesse kennt, könnte Parallelen zu Goethes Gedicht oben finden. Zumindest geht es mir so 🙂 Auch das Bild des Phönix passt da gerade ganz gut. Ihr merkt, meiner Stimmung gehts gerade wieder besser *freu*

PPPS.: Doch noch etwas zum Weltschmerz im Internet gefunden: Phasentänzerin     Wikipedia     Hochempfindsam     Types of Weltschmerz in German Poetry     MyMonk: Die große Melancholie     Weltschmerz     Deshalb gönne ich mir jeden Monat einen Weltschmerz-Tag     Melancholie: Die Vorfreude in der Traurigkeit

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21 Gedanken zu „Aus dem Leben einer Hochsensiblen…..Weltschmerz

  1. hansjoachimantweiler

    Liebende Julia

    ..zur Fäkalsprache
    Dürfen wohl doch auch empfinde ich in dem Mißbrauch eines Stoffwechselproduktes
    Meine Tochter sagte früher immer Mist und den braucht der Acker als Düngernahrung…

    Zur „Die Ästhetik der Wahrhaftigkeit“ in dem Buch „Die rote Blume“ fühle ich es meist
    körperlich wenn Mitmenschen verächtlich sprechen

    Der Weltschmerz ist mir seit Kindheit vertraut
    An alten Häusern zu Nürnberg tragen sandsteinerne nackte Atlasse geschultert
    den Fenstererker darüber gebeugt unter der Last

    Feinfühlig ist das gesamte Leid der Menschheit der Tierwelt und aller unsichtbaren
    Wesenheiten athmosphärisch mit jedem Atemzug in uns nachklingend

    Ich atme Angst ein auch Trauer und Lieben Freude aus

    Das kann zuerst ganz unbewusst geschehen und weiterhin als eine der Lebensaufgaben
    Feinfühliger angenommen werden
    Denn der Stumpfsinn ja die psychopathische bis sadistische Fühllosigkeit ist ein Massenphänomen

    Weltenleid bewusst mitzutragen ist eine der Schicksalsarbeiten wie des Buddha Jesu
    Kaspar Hauser Dir und mir

    „..wenn ihrs nicht fühlt so könnt Ihrs nicht erjagen.“

    Mitleid ist wirklich herabziehend choabhängig entkräftend eine Falle
    Mitfühlen das heilsame Ausgleichsgewicht in der Weltenschicksalswaage
    Zur erkalteten bleiernen Erstarrung federleichten Herzens sein

    Zugegeben tage stundenweise Schwerarbeit doch was bewirken tragen die Engel für uns..

    dankend
    Dir Joaquim von Herzen

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  2. muschelfinderin

    Eine Ärztin auf der Reha meinte mal zu mir, Migräne und HSP würden auf alle Fälle zusammenhängen, ja sie ginge sogar so weit zu behaupten, dass jeder, der Migräne bekommt, automatisch als hochsensibel einzustufen wäre. Die Migräne kommt ja immer am Ende, wenn die Reizüberflutung sozusagen durchgelaufen ist.

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  3. Tilman

    Diesen Weltschmerz kenne ich mittlerweile zu genüge.
    Ich dachte anfangs auch es wäre irgendeine Art Bipolare Störung bzw. Depressionen weil es immer so aus dem nichts kam und auch wieder ging.
    Die einzige Ursache die ich mittlerweile gefunden habe , ist wenn ich den Fokus für das Jetzt verliere bzw. für die Sache die ich dann machen möchte und dann in so eine gedankliche Abwärtsspirale rutsche was ich noch alles zu machen habe , wo ich dann nur noch im negativen Sinne über das große Ganze nachdenke.
    Das knockt mich dann auch immer übel aus.
    Ich hoffe das ist einigermaßen verständlich beschrieben ,
    Mit Freundlichen Grüßen
    Tillmann

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    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

      Guten Morgen, Tilman!

      Lieben Dank für deinen Kommentar 🙂 Ja, das ist ein guter Punkt – wenn sich der Fokus sozusagen verselbstständigt und sich Raum in den Dingen sucht, die nicht so gut bzw. energieraubend sind. Man könnte sich eine Gegenbewegung dazu ausdenken. Ich stelle mir meist ein Stoppschild vor oder rufe mir Erinnerungen ins Gedächtnis, die schön sind. Aber es gibt trotzdem noch Momente, wo man ganz plötzlich von Weltschmerz überfahren wird. Manchmal fällt einem da der Anker zu den Übungen nicht mehr ein… aber Übung macht den Meister:-)

      Alles Gute dir,
      Julia

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  4. Ophelia

    Liebe Julia,

    jetzt bin ich ein wenig überrumpelt und fast so etwas wie eifersüchtig. 😀 Befasse mich schon seit langer Zeit mit HS, gehöre selbst dazu und zu vielen anderen Definitionen und Kategorien. Ich habe erst kürzlich einen Blog begonnen, der in seinen zwei Wochen bereits durchaus gewachsen ist, aber so vieles steht noch aus. All die Beiträge zur HS, die ich noch schreiben wollte. All die Eigenarten, all die Wege, mit sich selbst anders umgehen zu können und zu dürfen. Du schreibst mir aus der Seele und es fühlt sich nach den wenigen Beiträgen, die ich bisher von dir las, so an, als würde mir jemand alles vorwegnehmen 😉 😀 Ich hoffe, du verstehst das richtig. Für den Bruchteil einer Sekunde ist es ein „Hey, halt! Das wollte ICH doch noch alles sagen, genau so!“ und gleich danach ein erleichterndes Aufatmen, weil man begreift, dass das nur heißt, dass die eigenen Gedanken nicht absurd, nicht abwegig sind. Sondern dass es anderen genau so geht und man sich gegenseitig ergänzen kann. Ich habe beispielsweise eine Angststörung – lange Geschichte, über die ich auch schreibe – und hatte früher schwere Depressionen. Mittlerweile immer mal wieder kleine Phasen von „Tiefs“ wie ich sie nenne, weil sie dem Gefühl der Depression ähneln, aber nie sonderlich lange anhalten und wie Wolken vorüberziehen.
    Gleichzeitig studiere ich Germanistik und beschäftige mich im Examen zurzeit mit dem Selbstbild des Dichters, mit der Weltschmerzliteratur und mit dem Leiden des Dichters an diesem Weltschmerz und der gleichzeitigen Fähigkeit, diesen in Worte zu fassen. Weltschmerz als Bergriff ist mir also alles andere als fremd.
    Beides zu verbinden kam mir allerdings nie. Bis ich hier auf deinem Blog diesen einen Satz aus einem Kommentar von dir lese:

    „Mit Depressionen habe ich allerdings nicht zu kämpfen, nur hin und wieder überkommt mich der sogenannte Weltschmerz“

    Es ist unglaublich, wie weit man sein kann und plötzlich liest man einen Satz aus den Weiten des Wortmeeres da draußen und wieder ist ein Puzzleteil mehr vorhanden. Ich habe nicht mehr mit Depressionen zu kämpfen, aber die Tiefphasen sind ähnlich. Mit dem Weltschmerz kenne ich mich aus, aber auf die Idee, beides zu verbinden und den Begriff zu übertragen, bin ich nie gekommen. Es ist wie du sagst, es macht so herrlich viel Sinn. Es sind Phasen von Weltschmerz, die vorübergehen.
    Ich werde deinem Blog mit Freuden folgen und trotzdem alles schreiben, was ich noch schreiben möchte. Auch und gerade weil es schon jemand anders gesagt hat.

    Ich freue mich, hier sein zu dürfen und danke herzlich für das Puzzleteil.

    Erhellte Grüße

    Ophelia

    PS: Ich liebe dieses Gedicht von Goethe. Ich muss bei deinen Worten an seine Tagebucheinträge denken, mit denen ich mich viel beschäftige (und darüber schreibe: https://sinnwahnblog.wordpress.com/2016/03/27/aus-goethes-tagebuch-teil-i/ )

    In einem schreibt er: „Es weiß kein Mensch, was ich tue und mit wieviel Feinden ich kämpfe, um das Wenige hervorzubringen.“

    Er schreibt am Ende aber auch:

    „Es wird auch werden, indes erhol ich mich in der Geschichte und tändle an einem Dram’ oder Roman. „

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    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

      Liebe Ophelia,

      oh ja – ich verstehe deinen Beitrag sehr wohl. Und ich finde ihn ganz wundervoll, bestärkend und ich habe mich wie ein kleines Kind über deine Worte gefreut :-)))

      Es tut mir leid, dass ich nicht schon vorher geantwortet habe, aber ich wollte warten, bis ich die richtigen Worte dafür finde bzw. eine Zeit, wo ich mich ganz der „perfekten“ Antwort hingeben kann. Tja – das Los einer Hochsensiblen: Dafür hat es jetzt ewig gedauert und der Zeitpunkt zum perfekten Antworten gibt es nicht wirklich. Von daher bin ich jetzt froh, dir zurückzuschreiben 🙂

      Es war ein Genuss für mich zu lesen, dass du (fast) genau so denkst und dass die Brücke vom Weltschmerz zur Hochsensibilität ihre Berechtigung hat 🙂 Das Wissen und das Bewusstsein darüber fängt einen in solchen Phasen sogar auf – man gibt sich diesem Schmerz mehr oder weniger – mittlerweile – gelassen hin und weiß, er geht vorüber. Somit ist die negative Gedankenspirale auch weiterhin fern und darf da auch bleiben 🙂

      Ich folge jetzt deinem Blog und möchte deine Beiträge einzeln durcharbeiten – denn ich habe gespürt, dass diese sehr dicht und gehaltvoll geschrieben sind. Genau das Richtige für mich 🙂
      Ich freue mich deshalb ebenso auf weitere Puzzleteile für meinen Kopf – ich liebe Puzzles 😉

      Und noch eines: Ganz lieben Dank für das Geschenk am Ende – Worte von Goethe aus seinen Tagebüchern. In diesem Sinne:

      Es wird auch werden…

      Ganz liebe Grüße zurück und alles Gute für Dich,
      Julia

      PS.: *Daumen drück* fürs Studium 🙂

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  5. Pete J. Probe (Jürgen Helmerichs)

    Bin zum ersten Mal hier, weil ich dich über ein `gefällt mir´ in meinem blog gefunden habe. Vielen Dank dafür.
    Was soll ich nun sagen?…Weltschmerz ist ein Begriff, der mir so noch nicht begegnet ist.
    Aber in jedem Fall hat das ja wohl etwas mit Gefühlen zu tun, und die Palette der menschlichen Gefühle ist ein séeehr weites Feld. Da bedarf es schon einer hohen Empathie(fähigkeit), um die Gefühle des/der anderen nachvollziehen zu können, sich da hineinzuversetzen. Dabei es ist schon merkwürdig, dass gerade die Auseinandersetzung mit Gefühlen ein vernachlässigtes Gebiet der Psychologie bzw. Psychotherapie überhaupt ist.
    `Schwermut´ ist ein Begriff, den ich schon mal besser nachvollziehen kann. `Sich selbst am wichtigsten sein´ gefällt mir sehr gut. `Unter den Topf kriechen´ habe ich mal als `Schneckenhaussyndrom´ bezeichnet. Aber was bringt uns dieses kleine Wortspiel..?..
    Ich denke, wenn es einem gelingt , sich selbst am wichtigsten zu sein, dann müsste man/Frau es auch schaffen, seine Gefühle anzunehmen….und wenn man sich geradezu noch mit ihnen verbündet, dann tun sie schließlich nicht mehr weh und wir können den Schmerz – als belastendes Gefühl – überwinden.
    Na gut soweit, das waren in aller Kürze meine ersten Gedanken zum Thema Weltschmerz und ich möchte es zunächst dabei bewenden lassen.
    Wünsche allen einen möglichst guten Umgang mit dem Weltschmerz und verbleibe mit lieben Grüßen
    Pete J. Probe

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  6. anja1276

    Suuuper Beitrag, liebe Julia, perfekt beschrieben!! Danke für’s Aufschreiben, ist hilfreich, es mal so übersichtlich und mit Abstand auf mich selbst zu lesen!! 🙂

    Ich finde mich darin auch wieder, vor allem dieser Weltschmerz hat mich schon so oft schier durchdrehen lassen. Als wenn die rotierenden (gerne auch immer abstruser werdenden) Gedanken und die wachsenden Zweifel (oder auch diffusen Ängste) nicht schon anstrengend genug sind. 🙄 Zum Glück gibt es Wände zum Anstarren, jaaaaa, oder Löcher in die Luft, ich LIIIIIEBE es!!! 😀 In solchen Phasen ertrage ich meistens nicht einmal Musik, die mir sonst bei allem hilft, außer manchmal ganz sanfter, leiser, textloser und monotoner Meditationsmusik (am besten mit Naturgeräuschen oder Wasserplätschern), die geht gerade noch so. Und dann einfach nur dransitzen/-liegen und vor mich hin starren, bis der Kopf irgendwann zur Ruhe kommt, das ist wirklich das Beste, was es in diesen Momenten gibt, kann ich nur bestätigen!! 😉

    Drück Dich und liebe Grüße,
    Anja

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    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

      Aha – dann bin ich doch nicht alleine damit 😉 Sehr interessant ist das alles…

      Ganz lieben Dank für deine ausführliche Antwort – und ja, in solchen Phasen mag selbst ich auch keine Musik mehr hören.

      Wenn einem diese Phase bekannt und bewusst ist, kann man sie eher akzeptieren und ärgert sich vor allem nicht mehr drüber. Auch über all die unerledigten Dinge. In solchen Phasen dauert alles 5 mal länger – aber danach geht es dann um so schneller…

      Ganz liebe Grüße und dir noch einen schönen Abend,
      Julia

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      1. anja1276

        Nee, damit werden wir beide alles andere als allein sein, aber in diesen Momenten fühlt es sich immer so an, als wäre man der einzige Mensch auf der ganzen Welt, dem es so geht und niiiiemand versteht einen. 😛

        Ja, das mit dem Akzeptieren ist wirklich EXTREM wichtig!! *zustimmend nick* Bei JEDEM Gefühl, das man hat, egal wie unschön es sich anfühlen mag, aber es ist nunmal gerade da und darüber aufregen oder gegen ankämpfen bringt erst recht nichts. *jahrelange Erfahrung darin hab* 😉 Allein das Akzeptieren nimmt sooo viel Druck aus der Situation!! Man streßt sich selbst oft viel zu sehr, das ist es gar nicht wert. Lieber mal alles liegenlassen, das habe ich inzwischen auch gelernt, anstatt mich durch irgendwas zu quälen, was dann, wie Du sagst, 5 mal länger dauert und meistens noch ein miserables Ergebnis hat, mit dem man unzufrieden ist, oder es ganz schief geht (mir fällt dann auch gerne alles aus den Händen oder ich stoße überall dagegen, werfe Dinge um, verursache Sauereien, füüürchterlich, weil ich dann alles so unachtsam erledige und im Kopf feststecke >.<). Wenn man es ein paar Mal hat liegenlassen und sich ganz dem Gefühl widmet und um sich selbst kümmert, kommt dann auch das Vertrauen, daß das mal ein Tag ist (höchstens auch mal zwei), aber danach ist alles wieder okay und "flutscht" wieder. 🙂 Als ich von der HS noch nichts wußte, gegen diesen Zustand ankämpfte und den Kopf nicht zur Ruhe kommen ließ, hat sich das immer tagelang hingezogen und ich bin SOWAS von heilfroh, daß diese Zeit vorbei ist!! 😉

        Danke schön, Dir auch noch 'nen tollen Abend!! 🙂

        Knuffelz,
        Anja

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  7. Kruemelkeks

    Ohja – Das kenne ich auch. Du schreibst das genauso, als wenn Du meine Gedanken lesen kannst. Fühle Dich aus der Ferne gedrückt und – ich lese Dich jetzt öfter.
    Gedicht ist klasse – das muss man einfach verstehen.

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  8. sabinedinkel

    Liebe Julia,

    oh, diese Art Weltschmerz kenne ich sehr gut.
    .
    Er kommt (gefühlt) von jetzt auf gleich. Doch glaube ich, dass er sehr wohl bestimmte Auslöser hat. Und das dürften so gut wie immer Reize sein, ob die nun von innen oder außen kommen.
    In solchen Momenten denke ich, wie banal doch die meisten Dinge sind – vor allem vor dem Hintergrund, dass wir alle irgendwann die Radieschen von unten beäugen… :oP
    .
    Ich finde es spannend, dass du in solchen Phasen an die vielen Dinge denkst, die du noch zu erledigen hast. Das geht mir auch so. Ob das dieser besagten Gewissenhaftigkeit geschuldet ist, die HSPler angeblich haben?
    .
    Es scheinen jedenfalls gleichsam Überforderungsgefühle beteiligt zu sein, sei es durch die Reize oder die „reizenden“ Gedanken. Oder kommen die erst, wenn der Weltschmerz schon da ist? Keine Ahnung, das werde ich mal beobachten. Der nächste Weltschmerz kommt bestimmt :oP.
    .
    Herzliche Grüße
    Sabine
    .
    PS.
    Ich weiß noch, wie verstörend ich es fand, als meine Mutter (sehr HSP) früher hin und wieder zu mir sagte: „Ich möchte gerne eine Runde weinen, aber es geht gerade nicht.“ Und ich sie dann fragte, was denn los sei.
    .
    Sie konnte aber keinen offensichtlichen Grund benennen, ihr „war einfach danach“. Jetzt im Nachhinein verstehe ich sie total. Leider guckt sie schon besagte Radieschen von unten an, zusammen mit meinem Vater (war auch HSP).
    Hoffentlich ist der olle Weltschmerz „da unten“ vorbei ;o)
    .
    PPS.
    Sorry, aber das wollte jetzt mal so raus, auch wenn es sich für manche befremdlich lesen dürfte.

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    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

      Liebe Sabine,

      vielen herzlichen Dank für Deine so ausführliche Antwort – hat mich sehr gefreut 🙂

      Die Radieschen von unten beäugen – sehr schön formuliert! Ja genau, genau diese Gedanken kommen dann auch.
      Hm, die Überreizung bzw. Überforderungsgefühle gehen eher voraus würde ich sagen – in der Phase des Weltschmerzes ist man dann irgendwie wie in Watte gepackt, im Nebel, unter einer Käseglocke – oder was auch immer 😉

      Ganz liebe und herzliche Grüße zurück und noch einen schönen Abend,
      Julia

      PS.: Oh – das ist sehr interessant. Hehe, ich denke schon, dass wir den ollen Weltschmerz auf der Erde lassen können – der passt einfach nicht ins Reisegepäck ;-)))

      PPS.: Immer wieder gerne genommen, liebe Sabine 🙂 Machs gut!

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  9. iloartbonn

    Schöner Artikel! Lustig, das Gedicht hatte ich doch vor einigen Monaten in meinem Blog zu den Melaten Friedhofs-Fotos auch schon mal veröffentlicht. Es gehört bei mir jedoch zu einem etwas anderen Thema, oder sagen wir mehreren gleichzeitig, die irgendwie zusammenhängen. Ich stelle immer wieder fest, dass ich manchmal sehr hochsensible Tage habe, an denen mich die kleinsten Dinge furchtbar nerven, mich wütend machen oder traurig…es ist nicht immer dasselbe. Meist sind es dann entweder eben Gerüche, die ich sehr stark wahrnehme oder der Umgebungslärm. Gestern hatte ich aber noch nicht mal gerochen, dass eine Frau in meiner Nähe sehr nach Urin roch…das haben alle anderen gerochen und ich kam mir merkwürdig vor, weil ich sonst doch meist alles zuerst wahrnehme….vor allem Parfums und Räucherzeugs aller Art…ja ich nehme auch viel von anderen auf. Die letzten Monate haben mir das überall schnell bewiesen, allerdings war und bin ich durch meine unruhige Situation (in Trennung lebend, aber immer noch nach Monaten in derselben Wohnung und mit einem Haufen anderer Probleme) intuitiver als je zuvor. Aber ich bin nicht jeden Tag gleich sensitiv. Und ich gehöre auch eher zu den Extrovertierten…der Weltschmerz von dem Du allerdings berichtest, klingt für mich gerade eher nach inneren Verarbeitungsproblemen und Selbstzweifeln und etwas weniger nach dem Schmerz, den man von anderen spürt…aber es kommt ja wie so oft an manchen Tagen alles zusammen. Mir fällt es oft schwer, das Gleichgewicht zwischen zuviel Reizen und gar keinen Reizen und Rückzug zu finden. Momentan weiß ich nur: Wohnmäßig muss es etwas leiser werden, der gesamte Umgebungslärm wird mir gerade jetzt im Sommer einfach zu viel. Die „Schotten“ dicht machen, würde ich übrigens auch gern mal…kleiner Scherz am Rande 😉 Ich wünsch Dir auch eine gute Woche!

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    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

      Hallo, schön mal wieder von dir zu hören 🙂

      Da wären wir doch gleich beim Thema: Was bedeutet Weltschmerz für dich? Für mich ist dieser Begriff viel allumfassender als nur die Schmerzen von anderen Personen zu spüren, wie du erwähnt hast…
      Ich bin gespannt, vielleicht kommen ja noch andere Definitionen zum Thema 🙂

      Danke für deinen Beitrag, hat mich sehr gefreut!

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