Nun sag – wie hast du’s mit der Hochsensibilität?

Wahrlich – mit Goethe will ich mich nicht messen – allerdings wird beim Thema Hochsensibilität oftmals um des Pudels Kern herumgeredet… Es wird zwar überall Wissen verbreitet, aber akzeptiert ist das Thema leider noch lange nicht. Nicht alleine deshalb, da das Thema Hochsensibilität nicht fassbar, nicht greifbar ist – sondern reine Kopfsache.

Wie hältst du’s mit der Hochsensibilität?

Oder auf der Meta-Ebene gefragt: Wie hältst du’s mit der Andersartigkeit?

Fragen an unsere Gesellschaft, die jeden von uns tangieren. Jeder lebt in seiner Welt, mit seinen eigenen Wahrnehmungen, Gedanken, Mustern, Schubladen, Erfahrungen. Jeder hat ein subjektives Empfinden darüber, wie er seine Umwelt und sein Innerstes aufnimmt. Und nicht zuletzt: Jeder hat seine ganz individuellen Bedürfnisse.

Manche denken, dass alle so denken und handeln müssten wie sie selbst. Manche denken, dass alle so empfinden, wie sie selbst. Manche gehen davon aus, dass man in Situation A so und so reagieren müsste.

Dabei gibt es eine gewisse Bandbreite von Werten und Bedürfnissen, die in der Gesellschaft akzeptiert sind. Alles andere was darüber hinaus geht, erscheint fremd, anders, ungewohnt – wenn nicht gar: falsch. So wie Anatole mit seinem Topf

Wenn ein Hochsensibler – glücklicherweise – in dem Stadium angekommen ist, wo er seine eigenen Bedürfnisse erkennt und umzusetzen versucht, kann es sein, dass er in seinem Umfeld auf Unverständnis stößt. Auf der einen Seite ist das dem Umfeld nicht übel zu nehmen, dass es zuerst so reagiert – denn bis jetzt hat der angepasste Hochsensible ja immer in der akzeptierten Bandbreite der Gesellschaft agiert. Außerdem kann das erhöhte Ruhebedürfnis, das Gestalten eines reizarmen Umfelds bei Regeneration und das Einschränken von Kommunikationskanälen zu Missinterpretationen führen. Was ist mit dem los? Der war doch früher sonst nicht so! Wieso stellt der sich auf einmal so an? Unerhört! Das geht so nicht! Wir müssen dem jetzt sagen, dass das so nicht tut! Entweder er funktioniert wie wir das haben wollen, oder es geht bergab…

In einer Leistungsgesellschaft wie unserer ist das Thema Hochsensibilität nicht einfach zu kommunizieren. Das merkt man schon alleine daran, dass sich viele Hochsensible in diversen Internet-Foren, Blogs oder auch in Büchern sehr viele Gedanken dazu machen, wie und wem sie ihre Hochsensibilität erklären sollen. Man möchte verstanden werden, so – wie man sich jetzt auch selbst versteht. Normalsensible wollen allerdings auf der anderen Seite manchmal auch nur helfen – dies kann auf der anderen Seite von Hochsensiblen wiederum fehlinterpretiert werden auf die Art, hey, der überfährt mich jetzt und ich fühle mich unverstanden und blocke ab.

Ein aufeinander Zukommen wäre angebracht, gegenseitiges Zuhören, Verstehen und Akzeptanz anstatt dem Überstülpen eigener Vorstellungen und Erwartungen. Was bringt es uns, Menschen eine Rolle vorzudenken, welche sie selbst nicht sind – wäre es nicht besser, die Talente von Menschen zu sehen?

Versucht die ein oder jeweils andere Seite sein Gegenüber zu verstehen? Glaubt der Gegenüber einem, wenn man ein eigenes Bedürfnis formuliert? Oder möchte das Gegenüber einem seine Erwartungen überstülpen, wie man denn zu sein hat? Egal ob jetzt hochsensibel oder normalsensibel…

Viele Hochsensible – insbesondere in einer Leistungsgesellschaft – befinden sich auf einer Gratwanderung: Meine eigenen Bedürfnisse erfüllen und gleichzeitig in einer Gesellschaft leben, die erwartet, dass alle die gleiche Leistung bringen müssen. (Achtung: diese Formulierung ist auf die Spitze getrieben, es gibt natürlich Randbereiche in unserer Gesellschaft, in denen das nicht so ist und individuell gefördert wird)

Folge: Psychosomatische Beschwerden erhöhen sich noch immer und halten lange an – jeder wundert sich, wieso, aber keiner findet eine Erklärung dafür. Ich würde mir wirklich wünschen, wenn Ärzte und Fachexperten bei Burnout- und Depressionserkrankten in Betracht ziehen würden, dass diese auch hochsensibel sein könnten. Allein diese Information kann für hochsensible Patienten unglaublich wichtig sein, um besser an sich arbeiten zu können und nicht gleich wieder in die nächste depressive Phase zu rutschen.
Das Übersehen der Hochsensibilität beim Patienten kann z.B. zur Folge haben, dass Therapiemethoden oder auch Entspannungstipps, die für Normalsensible gemacht sind, bei Hochsensiblen nur sehr schwer oder gar nicht greifen.
Am einfachsten ist es natürlich, alles auf den Stress zu schieben. Mach doch Yoga, entspann dich doch endlich mal, mach autogenes Training! Na danke! Die Ursache des Problems wird hier nicht erkannt. Versuche ich dann nach dieser Entspannungs-Auszeit wieder wie zuvor zu leben und den gleichen Ansprüchen wie zuvor zu genügen, ist die nächste Down-Phase doch vorprogrammiert – ein Teufelskreis! Diesen zu verlassen erfordert Selbstannahme, Selbstbewusstsein, Selbstliebe, das Erkennen eigener Bedürfnisse, ein wohlgesonnenes Umfeld, Integration der Hochsensibilität in den Alltag, Rücksicht auf mich selbst und andere – und sehr viel Mut.

Auf geht’s… Lasst uns gemeinsam mutig ins Jahr 2016 starten!

Alles Liebe & Gute Euch,
Julia

PS.: Piep!

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16 Gedanken zu „Nun sag – wie hast du’s mit der Hochsensibilität?

  1. lyrenorva

    Hat dies auf LyrenOrva rebloggt und kommentierte:
    Super verfasst und so wahr. Kannte den Begriff Hochsensibilität zwar bisher nicht, kann mich aber super damit identifizieren. Es ist echt schwer zu verstehen für mich, dass nicht alle über die Fähigkeit verfügen, sich in andere so hinein zu versetzen, wie ich das bei anderen kann – der Teil in deinem Text hat mir echt die Augen geöffnet – es ist ein Thema an dem ich zZt gerade arbeite und es ist schön, wenn auch irgendwie schade, zu sehen, dass andere im gleichen Boot sitzen oder sassen.
    Dir auch alles Gute fürs neue Jahr, wenn auch etwas verspätet ^^

    Gefällt 1 Person

    Antwort
  2. Nordpol

    Hallo Julia!
    Du hast mir den Link zu Anatole und dem Topf auf meinen ganz jungen Blog Lebensfaden.wordpress.com gepostest. Ich danke dir so für den Link! Weil er wahr ist!
    Da ich auch mit Depression zu kämpfen habe, aber ich mich mit dem Terminus HSP noch nicht näher beschäftigt habe, folge ich deinem Blog gern und schaue mal öfter vorbei.

    Liebe Grüße!

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    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

      Hallo 🙂

      Ja vielen lieben Dank für deinen Kommentar, ich habe mich sehr darüber gefreut!

      Mit Depressionen habe ich allerdings nicht zu kämpfen, nur hin und wieder überkommt mich der sogenannte Weltschmerz – diesem darf man getrost seinen Platz einräumen – sobald man dann gewisse Dinge wieder verarbeitet und einsortiert hat, verschwindet er dann wieder. Ist aber ganz normal bei einigen Hochsensiblen, weil sie Informationen (von außen und innen) einfach tiefgründiger und vielschichtiger verarbeiten…
      Schau hier: https://hochsensibel1753.wordpress.com/2015/07/12/aus-dem-leben-einer-hochsensiblen-2/

      Dann wünsche ich dir noch ein schönes Wochenende und man liest sich 🙂

      Liebe Grüße,
      Julia

      Gefällt 1 Person

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  3. hansjoachimantweiler

    Liebende Julia,

    Sag an wie solltest Du Dich auch mit Goethe messen
    Geistesleben Dichtung und Wahrheit sind kein Feld sich zu duellieren messen
    Und Dein Licht unter den Scheffel zu stellen ist Johann Wolfagangs Sinnen nicht
    Überflügle Ihn dann freut er Sich
    Der Flügellahmen sind ja gar noch so viel
    Auf Deine Frage obig hin
    Leidend an der Stumpfheit
    Freu Ich Mich der Mimosenpflanze
    zärtlich wachen Seins

    danke
    Dir Joachim von Herzen
    Ich liebe Dich

    Gefällt 1 Person

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  4. kiki0104

    Sehr interessanter Beitrag, danke! Ich konnte mir ja bis jetzt auch nicht so wirklich etwas über Hochsensibilität vorstellen. DANKE schonmal dafür!
    Ich kenne es nur vom Autismus meines Sohnes, dass er keine Prioritäten setzen kann… also zum Beispiel beim Essen ist die blinkende Lichterkette genauso wichtig, wie das Essen an sich und wird dann direkt vergessen.
    Und genau für solche Erkrankungen MUSS die Öffentlichkeit sensibilisiert werden! https://kikiblackblog.wordpress.com (gerade mal Werbung in eigener Sache- ne, hat mit der Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Autismus zu tun) und genauso sollte man die Öffentlichkeit auch auf Hochsensibilität aufmerksam machen!
    Alles Gute für 2016!

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        1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

          Oh ja, im Moment lernen wir wohl alle sehr viel dazu 🙂
          Hochsensibilität kann- je nachdem in welchem Umfeld man aufgewachsen ist und welche Erfahrungen man im Laufe seines Lebens macht – tatsächlich ein Verstärker sein für psychosomatische Erkrankungen. Allerdings kann Hochsensibilität auch als Verstärker in die andere Richtung wirken, denken wir an Albert Einstein, Hermann Hesse oder auch Gaudí, die Außergewöhnliches geleistet haben.

          Liebe Grüße,
          Julia

          Gefällt 3 Personen

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  5. sammelhoernchen

    Hallo Julia! Dein Beitrag hat mich grad total happy gemacht :)! Haben hier den ganzen Vormittag über dieses Thema diskutiert – und jetzt lese ich das :D! Ich wünsche mir für alle Menschen, die „anders“ sind und nicht in den Rahmen einer Norm passen, dass sie einfach „sein“ dürfen! Ich brauch glaub ich noch ein wenig Mut! Und genau das wünsche ich auch dir…ganz viel Mut und viele schöne und „intensive“ Momente im neuen Jahr! Glg Sara

    Gefällt 2 Personen

    Antwort
    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

      Liebe Sara,

      wie sehr mich dein Kommentar freut 🙂
      Lieben Dank für deine guten Wünsche!

      Kennst du eigentlich schon Anatole? Der ist auch anders, schau mal:
      http://cinema.arte.tv/de/der-kleine-topf-von-anatole

      Da muss ich meinen Beitrag nochmal mit Anatole anreichern – der passt wunderbar dazu 🙂

      Also – einen mutigen Start wünsche ich dir – das wird, das wird… 🙂

      Liebe Grüße,
      Julia

      Gefällt 1 Person

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    2. Monika Richrath

      Vielen Dank für Deinen Beitrag, Julia. Ich wünsche mir für 2016, dass sich ganz viele Menschen trauen, anderen von der eigenen Hochsensibilität zu erzählen – schließlich gibt man damit anderen Menschen die Gelegenheit möglicherweise etwas über sich selbst herauszufinden 🙂
      Dir und allen anderen HSP wünsche ich einen wunderbaren Übergang in das Neue Jahr!

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  6. muschelfinderin

    Ja. Gut beschrieben. Hab ich grad gestern wieder erlebt. Wir saßen abends beim Italiener und an einem Fenster FLACKERTE blau eine Lichterkette. Mein Mann hat das gar nicht registriert. Doch ich bin sofort angesprungen. Glücklicherweise stellte der Wirt das dann um auf Dauerleuchten und das Flackern hatte ein Ende.

    Gefällt 1 Person

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