Zuwendung

Ich freue mich sehr, heute Abend hier auf meiner Couch zu sitzen und euch wieder auf Wanderschaft mitzunehmen zu einem Thema, welches mich in letzter Zeit rege beschäftigt 🙂

Wanderschaft deshalb, da ich nicht weiß, wie dieser Blogbeitrag werden wird – meine Stichpunkte liegen neben mir – aufi!

Als ich heute von der Arbeit nach Hause gefahren bin, war ich fest der Überzeugung, heute in die Sauna zu gehen. 4 Stunden Entspannung für den Körper und die Sinne. Heute Nacht hatte ich schlecht geschlafen und habe mich am Morgen gefühlt, als hätte man mich in die Tonne getreten. Kurz bevor ich zuhause ankam, habe ich noch einmal in mich hineingespürt und bemerkt, dass ich heute Abend irgendwie doch etwas ganz anderes brauche. Die Sauna habe ich erstmal auf Eis gelegt (hihi, welch Wortspiel 😉 ) und habe mich auf den WoZi-Fußboden gesetzt.

Was brauche ich heute Abend wirklich? Ich habe versucht, meine inneren Impulse wahrzunehmen und erinnerte mich daran, dass ich während der Arbeit dachte, dass ich heute keine Menschen mehr brauche. Also war die Sauna schnell gestrichen. Ich kam mir selbst auf die Schliche: Sauna wäre eine Aktion gewesen, um mich von mir selbst abzulenken – so grotesk und absurd sich das jetzt anhören mag. Aber ich wollte in dem Moment einfach wirklich wissen, was ich brauche und hörte in mich hinein.

Ich wendete mich mir selbst zu. Ganz ehrlich, offen und (so gut es ging) urteilsfrei. Es waren natürlich auch schon innere Stimmen da, die mich verurteilten, weil Saunieren doch so unendlich gut tut und einem ein gutes Gefühl gibt. Nun ja, vordergründig vielleicht. Aber damit hätte ich mich selbst übergangen.

Zuerst begann ich damit, mir meine Stoppuhr auf 20 Minuten zu stellen und in meinem blauen Büchlein aufzuschreiben, was mir gerade so durch den Kopf geht und wie ich mich fühle und was ich brauche. Das mache ich gerade jeden Abend und nach 30 Tagen schaue ich mir immer an, was ich da so von mir gegeben habe. Nach diesen 20 Minuten war das Saunathema dann endgültig gegessen. Und wisst ihr, was komisch war? Ich war wieder einigermaßen fit und spürte Energie aufsteigen 😉

So habe ich mir dann einen schönen Abend zuhause gemacht. Zuerst ein wenig Haushalt, damit ich mich hier auch wohlfühle und dann gab es erstmal lecker Spaghetti mit selbstgemachter Tomatensauce und angerösteten Pinienkernen. Dann habe ich mir Inspirationen geholt im Buch von Carl Rogers und danach gab es ein wunderbares Wohlfühl-Fußbad :-))) (Letzteres jetzt bitte 10x hintereinander schnell aussprechen ;-))) )

Dieser Abend war Selbstzuwendung pur und gab mir unter anderem den Anstoß, einen neuen Blogbeitrag zu schreiben.

Was wäre die Zuwendung denn, wenn man diese nur sich selbst vorbehalten würde? Ein Yin ohne Yang, ein Topf ohne Deckel, Regenwetter ohne anschließenden Regenbogen. Mal davon abgesehen, dass sich sehr viele Menschen von dieser so wichtigen Selbstzuwendung immer wieder ablenken, nur um sich selbst nicht spüren zu müssen. Aber das ist ein anderes Thema 😉

Mindestens genauso wichtig für mich ist die Zuwendung hin zu anderen. Interesse daran haben, was mein Gegenüber gerade bewegt, ihm oder ihr zuhören und es wirken lassen, was die Worte und Gefühle des anderen mit mir selbst machen. Diese Form der Zuwendung ist in der heutigen Zeit nur noch selten anzutreffen. Das wirkliche Interesse am anderen. An der Lebendigkeit des Austauschs und der Unvoreingenommenheit der eigenen Haltung. Sich einander begegnen. Begegnung erfahren. Erfahren. Erfahrung. Erfahrung ist auch eines der Kernelemente von Carl Rogers personenzentriertem Ansatz.

Sich auf der Art und Weise begegnen, wie man gerade ist. Man ist einfach. Und so erfolgt ein lebendiger Austausch, wo man am Ende gar nicht weiß, wie er enden wird. Für mich ist das immer eine Schatzsuche. Ich bin neugierig darauf, was der andere zu sagen hat. Wie er es sagt. Was ihn bewegt. Und wie er darauf reagiert, wenn ich antworte.

Sich einem Menschen zuzuwenden ist eine der liebevollsten Gesten, die man einem anderen zuteil werden lassen kann. Gerade in der heutigen Zeit.

Und soll ich euch etwas verraten? Es ist so furchtbar einfach 😉 Das ist doch genau das, was Hochsensible brauchen. Einfachheit in der Umsetzung. Man muss es nur noch tun. Sich selbst zuwenden. Sich einem anderen zuwenden. Mehr bedarf es oft nicht. Und wenn man Glück hat und das viele so tun, bekommt man diese Zuwendung auch von einem anderen geschenkt.

Zuwendung bewirkt, dass man sieht und dass man gesehen wird. Es ist eine einzigartige Form von Seelennahrung, zu der es jeden ganz natürlich hinzieht, wenn er nicht gerade irgendwo im Außen festhängt. Loslassen und sich sein lassen. Am Anfang vielleicht etwas ungewohnt, aber solche Begegnungen nähren. Sich liebevoll begegnen ist so rar geworden, dass es sogar Menschen gibt, die Angst davor haben. Angst vor sich selbst und Angst davor, was entstehen könnte. Angst vor dem Unbekannten und Neuen.

In diesem Sinne wünsche ich euch für dieses Wochenende schöne Begegnungen und ich würde mich sehr über Kommentare freuen, in welcher Form ihr euch selbst und/oder anderen am liebsten Zuwendung schenkt.

Alles Liebe,
Julia

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13 Gedanken zu „Zuwendung

  1. Blumentorte

    Liebe Julia, Du hast das toll beschrieben. Mir geht es allerdings eher so, dass ich in der Begegnung mit anderen zu viel aufnehme von ihrem Sein, und dass ich daher manchmal lieber alleine bleibe. Und noch etwas anderes: wenn ich spüre, ich will unbedingt raus, Erfahrungen aufnehmen, viel erleben, mich flashen, von mir ganz weit weg sein, mich ablenken, fliehen oder zusätzliche Sinneserfahrungen zu besorgen, dann ist es doch meistens erst mal eine gute Idee genau das Gegenteil zu tun: rein zu gehen, bei mir zu bleiben, mich prüfen, meine wahren Bedürfnisse klären und – ja – auch mal etwas durcharbeiten im Kopf oder im Körper. Ich nenne das für mich „zu Hause spielen“, klingt harmlos und warm. Wenn ich das erst einmal probiere, dann ist die Flucht erst einmal zweitrangig und ich werde unheimlich zufrieden. Es gibt hier dann aber keine Bewertung: das eine ist so wertvoll wie das andere, aber es verhindert das „zu flitterig voll werden und sich innerlich leer fühlen“. Ganz herzliche Grüße!

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    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

      Liebe Blumentorte,

      ganz lieben Dank für deinen Kommentar 🙂

      Ich kenne das Gefühl, wenn man im anderen untergeht, wenn das Sein des anderen mich zu überschwemmen droht… Es ist dann kein bei-sich-selbst-bleiben möglich. Dann ist es in der Tat besser, erst einmal wieder zu sich zu finden. In sich selbst Halt zu finden. Außerdem ist dieser Punkt ein sehr wichtiger, den du angesprochen hast: Du versuchst, vor irgendetwas in dir selbst wegzulaufen, es durch den Drang nach Außen zu „übertünchen“ – und dann wendest du dich dir selbst zu. Chapeau!!! Zufriedenheit durch Selbstzuwendung. Sich selbst die Wärme zukommen lassen – die ist nämlich wertvoller als die „Wärme“, die man von außen zugespielt bekommt und bei der man nur für eine kurze Zeit das Gefühl einer Art Zufriedenheit spürt.
      Ich finde es ganz wunderbar, dass du dieses Gespür hast – viele erkennen das nicht. Sie können sich nicht auf der Meta-Ebene beobachten.
      Gibt es denn für dich Begegnungen, aus denen du in letzter Zeit auch etwas mitgenommen hast? Kennst du diese Art der Begegnung, nach der man mit ganz viel Wärme und Verbundenheit wieder nach Hause geht? Es sind Begegnungen mit Menschen, die einem Raum geben, denen ich Raum gebe, die mich in meinem Sosein annehmen, und die ich in ihrem Sosein annehme. Das heißt nicht, dass wir immer der gleichen Meinung sind. Aber eine Grundstimmigkeit ist zu spüren. Und dieses Gefühl ist einfach nur einzigartig 🙂

      Alles Liebe und Gute dir,
      Julia

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      1. Blumentorte

        Liebe Julia, oh, wie schön, so viele Worte! Ja, ich habe gottseidank wirklich seit einiger Zeit Menschen, die ich aufnehmen kann, aufnehmen will ,wahrnehmen will in ihrer Intensität, in dem was sie abstrahlen oder aktiv geben in Wort und Tat und was sie sind. Erst dadurch erlebe ich Begegnungen offener, weiß jetzt wie ungut, die halbgaren Begegnungen in Wahrheit für uns Hochsensible sind. Immer filtern, immer aufpassen…. mühsam. Kann ja keiner wissen, wie sehr wir alles annehmen, aufnehmen, verarbeiten. Ja, es gibt Menschen, mit denen das Verschmelzen im Dialog und Austausch Spaß macht, wärmt, bereichert, immer gegenseitig und das ist ja geradezu unfassbar beglückend!
        Herzliche Grüße zu Dir,
        Blumentorte

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  2. Uwe

    Liebe Julia,
    ich freue mich, wieder einen Beitrag von Dir zu lesen und er ist inspirierend für mich.
    An einem Satz allerdings bin ich hängengeblieben, rein sprachlich:
    „Was wäre die Zuwendung denn, wenn man diese nur sich selbst vorbehalten würde? “ Im Sinnzusammenhang meine ich, müsste es selbstvor-ent-halten heißen.
    Danke für Deinen Beitrag.
    Herzliche Eifel-Grüße
    Uwe

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      1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

        Hahaaaaa! Lieber Uwe! Erst einmal ganz lieben Dank für deine Worte – jetzt habe ich Zeit, um ins Thema einzutauchen… Das war gar kein Rechtschreibfühler. Wenn ich das Wort „vorenthalten“ benutzen würde, müsste ich schreiben: was wäre die Zuwendung denn (noch Wert), wenn ich sie anderen vorenthalten würde…
        Mit „mir selbst vorbehalten“ meine ich, die Zuwendung nur mir selbst zukommen zu lassen.
        Passt das für dich?
        Viele liebe Grüße zurück,
        Julia

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        1. Uwe

          Liebe Julia,
          ja, auch das passt. Ich hatte im Kontext zunächst gelesen, dass es nicht gut sei, Zuwendung nur für andere zu haben und nicht für mich selbst. Was sicherlich auch nicht gut ist. Zuwendung aber ausschließlich für mich selbst zu haben ist genausowenig hilfreich.
          Mir begegnen oft Menschen, die sich viel mehr anderen zuwenden als sich selbst und viel mehr für andere sorgen als für sich selbst.
          Der mittlere Weg ist der richtige, glaube ich, wobe ich meine, dass ich zuvorderst für mich selbst sorgen muss, denn nur, wenn ich selbst gut versorgt bin, kann ich auch für andere gut da sein.
          Nochmals liebe Grüße aus der Eifel
          Uwe

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  3. laluna80

    Eine sehr schöne Beschreibung! Toll, dass Du das so hingekriegt hast.
    Ich muss das auch immer bewußt machen, weil sonst komme ich in hektischen Aktionismus und lebe komplett an mir vorbei. Die Selbstverlassenheit äußerst sich dann (wen wunderts) in derber Depression.
    Das *was man machen sollte* ist oft zu schnell im Hirn. Vor allem bei schönem Wetter komme ich schnell unter Druck *du musst das Wetter genießen* um herauszufinden was ich wirklich will, frage ich mich: was würde ich heute bei bewölktem Wetter machen? So komme ich wieder eher bei mir an.
    Ein schönes Wochenende MIT DIR und wenn Dir danach ist natürlich auch mit anderen 🙂

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  4. Arno von Rosen

    Guten Morgen liebe Julia, du hast etwas gemacht, was die meisten Menschen heute nicht mehr schaffen. Auf ihren Bauch hören, denn der sagt sehr viel öfter die Wahrheit, als das Hirn 😉 Du hast toll deine Entspannungsübungen beschrieben und wie diese bei dir wirken. Ich mache einfach die Augen zu und versuche nur noch auf die Natur oder eben die Stille zu hören und wenn ich das nicht mache, sind auch schon mal die Nägel dran, denn dann bin ich ganz nahe bei mir 😀 Fremde Menschen sorgen zudem für Stress, weshalb ich meistens mit der Familie unterwegs bin, weil ich dort nicht mehr zwischen den Zeilen suchen muss, sondern die Texte für mich offen liegen und ich die gemeinsame Zeit einfach genießen kann. Hab ein fabelhaftes Wochenende!

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    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker) Autor

      Lieber Arno!
      Von Herzen lieben Dank für deine Zeilen 🙂 Die Natur zu genießen und einfach nur zu schauen, was da ist – herrlich! Die Natur spüren und mich selbst spüren. Hmmm… :-)))
      Ja genau – mit Menschen meine Zeit verbringen zu dürfen, die mir gut tun und denen ich gut tue, so wertvoll und nährend.
      Ein schönes Wochenende dir und bis zur nächsten Begegnung,
      Julia

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