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Ab in die Hängematte!

Huiii… Die Giraffe hat es doch tatsächlich in die gemütliche Hängematte geschafft. Gefühle der Erleichterung, des Wohlfühlens und der Geborgenheit stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Jedoch liegt diese Giraffe nicht etwa auf der faulen Haut – auch eine übermäßige Bequemlichkeit soll dieses Bild nicht vermitteln. Man muss genauer hinschauen.

Nur Inga von Thomsen, die Erschafferin dieses wundervollen Giraffenexemplars, und ich wissen, auf welchem Wege es diese Giraffe in die Hängematte geschafft hat. Im Übrigen besitzt Inga ebenfalls einen Blog über Hochsensibilität. Danke Inga für deine Kreativität und deine spontane Bereitschaft, für meinen Blog eine Zeichnung anzufertigen 🙂

Jeder von uns weiß, wie hakelig und holprig es sein kann, in eine Hängematte einzusteigen – Körperspannung ist gefragt 😉 Aber wenn man dann tatsächlich mal drinnen liegt, kann man sich relaxed der Körperentspannung widmen. Und jetzt stelle man sich das Ganze mit einer Giraffe vor, deren Arm- und Beinlängen nicht mehr zu übertreffen sind. Hihi – ein lustiges Bild – auch wenn man daran denkt, dass die Giraffe irgendwann auch mal wieder aufstehen muss 😉

Nun aber zum wirklichen Thema: Diese Giraffe hat nicht gerade einen unbeschwerten Weg hinter sich. Sie ist sozusagen in diese Hängematte gefallen – ist also nicht hineingestiegen, sondern kam von irgendwo da oben her gefallen… Vorher befand sie sich zappelnd, ängstlich und haltlos im freien Fall. Irgendwo weit über der Hängematte. Und vor dem so unsagbar haltlosen freien Fall stand sie hilflos, zitternd und voller Furcht vor einem Abgrund.

Dieser Abgrund repräsentiert Wendepunkte oder auch Extremsituationen in unserem Leben, denen wir uns entweder gnadenlos ausgeliefert fühlen und in einer Starre verharren, oder wir springen. Entweder verharren wir in einer passiven Form und lassen Dinge über uns ergehen, oder wir fragen uns, was wir wirklich wollen und setzen uns aktiv damit auseinander und dafür ein. Das letztere ist eine aktive Art und Weise der persönlichen Weiterentwicklung. Jeder Mensch entwickelt sich in seinem Leben weiter, sei es durch Anstöße von außen oder von innen:

„Als Knäuel kommen wir zur Welt und brauchen
Ent-Wicklung, um Mensch zu werden.“
Helga Schäferling

 Die Giraffe hat sich weiterentwickelt, in dem sie herausgefunden hat, dass es irgendetwas in ihr selbst gibt, das sie in schwierigen oder scheinbar unentrinnbaren Situationen auffängt. Jeder trägt eine solche imaginäre Hängematte in sich. Ich spreche hier weniger von Dingen die einem auch Halt geben können, wie z.B. Religion, Arbeit, Sport, sondern ich spreche mehr von einem Halt von innen heraus in der Form von Selbstvertrauen, Selbstakzeptanz, Selbstmitgefühl, Selbststärke und Selbstliebe. Es geht darum, in sich selbst Halt zu finden – in der ureigenen imaginären Hängematte. Das Ganze setzt auch ein gewisses Urvertrauen voraus. Resilienz ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Die Ausprägung von Resilienz beim Menschen bestimmt, wie widerstandsfähig und selbstbestimmt man in extremen oder ungewohnten Situationen agiert. Hier ist es beim hochsensiblen Menschen von immenser Bedeutung, über die eigene Hochsensibilität Bescheid zu wissen. Ansonsten kann es sein, dass man sich im ständigen Zweifel darüber befindet, wie man wirklich tickt – da einen die Reizüberflutung in außergewöhnlichen Situationen zu einem (scheinbar) anderen Menschen machen kann. Das Wissen über Hochsensibilität ist sozusagen unser Anker um unsere Resilienz konstant zu halten und auszubauen. Entsprechend dazu ist das Wissen um Hochbegabung zu nennen. Ansonsten würde man an der schieren Vielfalt von Handlungsalternativen verzweifeln.

Weiß man noch nichts von seiner eigenen Hängematte, so ist man gezwungen, sich an anderen Dingen festzuhalten bzw. sich in die Hängematten von anderen Menschen zu legen (merke: könnte auf die Dauer für beide unbequem werden 😉 ). Ich schmunzle selbst beim Schreiben des vorherigen Satzes – allerdings ist das Finden von Halt an anderen Menschen und Dingen nicht ganz ungefährlich. Die Hoffnung ist, dass man an Menschen Halt findet, die es gut mit einem meinen und die das in einem sehen, wie und wer man wirklich ist. Menschen, die einem eine gewisse (wenn auch nur vorläufige) Orientierung bieten können, solange ich mich selbst, meine Hochsensibilität und meine eigene Hängematte noch nicht kenne und noch kein Gefühl für mich selbst entwickelt habe. In diesem Falle kann der Halt tatsächlich eine positive Stütze bzw. Krücke sein, an der man sich so lange festhalten kann, bis man selbst imstande ist, sich selbst Halt zu geben (aber merke: „Was anderen gut tut, muss nicht automatisch auch gut für dich selbst sein!“). Ansonsten ist die Gefahr der Manipulation und Abhängigkeit recht groß. Findet man in sich keinen Halt, so flüchten sich manche nicht nur zu falschen Freunden, sondern auch in andere Extreme, wie z.B. Sportsucht, Alkohol, Drogen, zu viel/zu wenig Essen, usw. Es gibt auch Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse zum einen nicht kennen und/oder zum anderen auch nicht artikulieren können. Dann sind z.B. Personen von außen manchmal gezwungen, Bedürfnisse des anderen zu erraten, falls gar nichts vorwärts geht. Auch hier wieder: passiv und aktiv. Passiv: Lasse ich andere über mein Leben und meine Bedürfnisse bestimmen oder kann ich aktiv formulieren, was ich wirklich möchte und dazu stehen. Passiv bedeutet auch, irgendwann in eine Lähmung einzutreten, evtl. sogar in einen BurnOut oder eine Depression, Bewegungslosigkeit, nichts mehr ist lebendig in mir. Zum aktiven und selbstbestimmten Artikulieren meiner Bedürfnisse gehört Mut und ein gewisses Selbstverständnis dazu. Allerdings ist die aktive Vorangehensweise ein überaus gelungenes Beispiel für Selbstwirksamkeit. Das, was ich mache, macht etwas mit mir selbst und meinem Umfeld. Ich bestimme, wo es hingeht – auch wenn es vielleicht nicht gleich die Richtung ist, die ich wirklich möchte – aber es bewegt sich etwas. Ich setze Akzente, schaue, was in mir selbst lebendig ist. Und ich sehe, wenn ich etwas mache, dass es mir selbst etwas bringt. Ich lasse Dinge nicht über mich ergehen. Ich gestalte und ich bestimme selbst. Ich nehme mich und meine Bedürfnisse ernst und stehe für mich selbst ein. Und wieder: Mut zu mir selbst. Nicht einfach, aber gesund und längerfristig gesehen die bessere Alternative. Selbst ganz kleine Schritte sind große Schritte zur Selbstwirksamkeit – Danke an Sabine Dinkel für den Denkanstoß. Und noch ein wichtiger Punkt: Ist man nicht in der Lage, den Schritt von passiv nach aktiv selbst zu gestalten, gibt es jede Menge Hilfsangebote von außen – sei es der Hausarzt, psychologische Fachexperten, Coaches oder sehr gute Freunde.

Wieder zurück zur zappelnden Giraffe. Der freie Fall. Die Giraffe lässt sich auf den freien Fall ein. Sich darauf einlassen. Loslassen. Loslassen von dem was gerade ist. Es sein lassen. Nur wenn man Dinge loslässt, hat man seine Hände frei um sich an etwas Neuem festzuhalten – bzw. nur wenn man sich auf den freien Fall einlässt, sich nicht verkrampft, locker bleibt und versucht, in dieser Phase zu schauen ob es noch etwas anderes gibt. Da ist sie – die Hängematte. Sie ist in jedem von uns – nicht jeder mag und kann sie erspüren.

„Wehrt man sich gegen den freien Fall, so wehrt man sich gegen sich selbst.
Man kämpft gegen sich selbst.
Loslassen.“
by me

Es gehört Mut dazu, viel Mut. Mut, den freien Fall zuzulassen. Zeit, den freien Fall zu akzeptieren, dem freien Fall Raum zu geben und das Gefühl der Haltlosigkeit auszu-halt-en. Holla, welch Wortspiele. Aus-halt-en. Sich selbst aus-halt-en. Wer sich selbst aushält, dessen Hängematte hält jedem Wetter stand und der wird von sich selbst getragen. Zu diesem Schritt gehört vor allen Dingen auch dazu, sich selbst verzeihen zu können. Sein Verhalten reflektieren und sich selbst verzeihen können. Und sich wieder rückbesinnen: was will ich und was brauche ich?

Besonders in Extremsituationen und Lebenskrisen ist es von wichtigster Bedeutung, sich oft selbst zu fragen, was man gerade braucht. Vor allen Dingen deshalb, weil man sich von Tag zu Tag hangelt und gerade keine Perspektive sieht oder ein Vorankommen spürt. Der freie Fall. Die ungeklärte oder aussichtslose Situation. Man sucht Konstanz. Man sucht Halt. Gerade jetzt. Immer noch der freie Fall. Wann hört das endlich auf? Der freie Fall. Eine undefinierte Situation. Niemand mag solche Situationen lange aushalten – sie sind ungewohnt. Aber sie haben ihren Sinn. Der Weg in die Hängematte. Könnt ihr mir noch folgen? Schaut euch das Bild an – die Giraffe hat es geschafft. Sie hat sich selbst vertraut und hat den freien Fall ausgehalten. Und sie hat es während des Falls tatsächlich geschafft, immer wieder auf sich selbst zu hören, mit sich selbst geduldig zu sein, sich vor allen Dingen selbst zu trösten und sich selbst zu verzeihen. Wer stürzt sich schon (selbst + aktiv) freiwillig in den Abgrund? Pause-to-check: Was brauche ich gerade? Was tut mir gerade gut? Die Chance des sich-selbst-neu-kennenlernens im freien Fall. Herrlich!

Es ist ein Prozess des sich selbst treu bleibens. Nur wer sich selbst treu bleibt, dem ist die Hängematte gewiss. Oder so ähnlich 😉

So – was hat das Ganze jetzt mit Hochsensibilität zu tun? Das frage ich mich gerade auch. Denn jeder Mensch besitzt eine solche Hängematte – egal ob hoch- oder wie auch immer sensibel. Die Giraffe ist eines der größten Säugetiere mit einer sehr großen Oberfläche – vielleicht lassen sich Normalsensible als ein kleines Schäfchen darstellen, welches etwas einfacher und weicher in die Hängematte fällt und welches im freien Fall nicht ganz so herumzappelt wie die Giraffe mit ihren langen Armen und Beinen. Haha – den Bogen doch noch gespannt bekommen 😉 Es könnte durchaus auch sein, dass Hochsensible den freien Fall – früher als Normalsensible – und bevor sie die Hängematte erreichen – abbrechen und sich lieber an einen Strohhalm klammern. Aber das ist nur meine Vermutung.

Die Giraffe ist übrigens auch das Sinnbild der gewaltfreien Kommunikation (GFK), die als Grundlage jeder Kommunikation die Bedürfnisse der Menschen sieht – was ist im Menschen lebendig und was braucht er gerade? Das Einzige, was mich an dieser Kommunikationsform stört, ist das Wort „Gewalt“ im Namen selbst und die starre Anwendung von Kommunikationsregeln – die kann für den Alltag sehr umständlich sein.

Wie auch immer – ich hoffe, mir und euch mit meinen Worten etwas zur „Ent-Wicklung“ beigetragen zu haben – gemäß dem Motto:

„Sei für dich da, wenn du dich selbst am meisten brauchst.“

Ich wünsche jedem von uns, seine eigene Hängematte zu finden, die Fähigkeit zu entwickeln, sich an sich selbst anlehnen zu können und in sich selbst fallen zu lassen.

Liebe Grüße aus der Hängematte mit erfrischendem Cocktail, Zauberstab und Geborgenheit,
Julia

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Nun sag – wie hast du’s mit der Hochsensibilität?

Wahrlich – mit Goethe will ich mich nicht messen – allerdings wird beim Thema Hochsensibilität oftmals um des Pudels Kern herumgeredet… Es wird zwar überall Wissen verbreitet, aber akzeptiert ist das Thema leider noch lange nicht. Nicht alleine deshalb, da das Thema Hochsensibilität nicht fassbar, nicht greifbar ist – sondern reine Kopfsache.

Wie hältst du’s mit der Hochsensibilität?

Oder auf der Meta-Ebene gefragt: Wie hältst du’s mit der Andersartigkeit?

Fragen an unsere Gesellschaft, die jeden von uns tangieren. Jeder lebt in seiner Welt, mit seinen eigenen Wahrnehmungen, Gedanken, Mustern, Schubladen, Erfahrungen. Jeder hat ein subjektives Empfinden darüber, wie er seine Umwelt und sein Innerstes aufnimmt. Und nicht zuletzt: Jeder hat seine ganz individuellen Bedürfnisse.

Manche denken, dass alle so denken und handeln müssten wie sie selbst. Manche denken, dass alle so empfinden, wie sie selbst. Manche gehen davon aus, dass man in Situation A so und so reagieren müsste.

Dabei gibt es eine gewisse Bandbreite von Werten und Bedürfnissen, die in der Gesellschaft akzeptiert sind. Alles andere was darüber hinaus geht, erscheint fremd, anders, ungewohnt – wenn nicht gar: falsch. So wie Anatole mit seinem Topf

Wenn ein Hochsensibler – glücklicherweise – in dem Stadium angekommen ist, wo er seine eigenen Bedürfnisse erkennt und umzusetzen versucht, kann es sein, dass er in seinem Umfeld auf Unverständnis stößt. Auf der einen Seite ist das dem Umfeld nicht übel zu nehmen, dass es zuerst so reagiert – denn bis jetzt hat der angepasste Hochsensible ja immer in der akzeptierten Bandbreite der Gesellschaft agiert. Außerdem kann das erhöhte Ruhebedürfnis, das Gestalten eines reizarmen Umfelds bei Regeneration und das Einschränken von Kommunikationskanälen zu Missinterpretationen führen. Was ist mit dem los? Der war doch früher sonst nicht so! Wieso stellt der sich auf einmal so an? Unerhört! Das geht so nicht! Wir müssen dem jetzt sagen, dass das so nicht tut! Entweder er funktioniert wie wir das haben wollen, oder es geht bergab…

In einer Leistungsgesellschaft wie unserer ist das Thema Hochsensibilität nicht einfach zu kommunizieren. Das merkt man schon alleine daran, dass sich viele Hochsensible in diversen Internet-Foren, Blogs oder auch in Büchern sehr viele Gedanken dazu machen, wie und wem sie ihre Hochsensibilität erklären sollen. Man möchte verstanden werden, so – wie man sich jetzt auch selbst versteht. Normalsensible wollen allerdings auf der anderen Seite manchmal auch nur helfen – dies kann auf der anderen Seite von Hochsensiblen wiederum fehlinterpretiert werden auf die Art, hey, der überfährt mich jetzt und ich fühle mich unverstanden und blocke ab.

Ein aufeinander Zukommen wäre angebracht, gegenseitiges Zuhören, Verstehen und Akzeptanz anstatt dem Überstülpen eigener Vorstellungen und Erwartungen. Was bringt es uns, Menschen eine Rolle vorzudenken, welche sie selbst nicht sind – wäre es nicht besser, die Talente von Menschen zu sehen?

Versucht die ein oder jeweils andere Seite sein Gegenüber zu verstehen? Glaubt der Gegenüber einem, wenn man ein eigenes Bedürfnis formuliert? Oder möchte das Gegenüber einem seine Erwartungen überstülpen, wie man denn zu sein hat? Egal ob jetzt hochsensibel oder normalsensibel…

Viele Hochsensible – insbesondere in einer Leistungsgesellschaft – befinden sich auf einer Gratwanderung: Meine eigenen Bedürfnisse erfüllen und gleichzeitig in einer Gesellschaft leben, die erwartet, dass alle die gleiche Leistung bringen müssen. (Achtung: diese Formulierung ist auf die Spitze getrieben, es gibt natürlich Randbereiche in unserer Gesellschaft, in denen das nicht so ist und individuell gefördert wird)

Folge: Psychosomatische Beschwerden erhöhen sich noch immer und halten lange an – jeder wundert sich, wieso, aber keiner findet eine Erklärung dafür. Ich würde mir wirklich wünschen, wenn Ärzte und Fachexperten bei Burnout- und Depressionserkrankten in Betracht ziehen würden, dass diese auch hochsensibel sein könnten. Allein diese Information kann für hochsensible Patienten unglaublich wichtig sein, um besser an sich arbeiten zu können und nicht gleich wieder in die nächste depressive Phase zu rutschen.
Das Übersehen der Hochsensibilität beim Patienten kann z.B. zur Folge haben, dass Therapiemethoden oder auch Entspannungstipps, die für Normalsensible gemacht sind, bei Hochsensiblen nur sehr schwer oder gar nicht greifen.
Am einfachsten ist es natürlich, alles auf den Stress zu schieben. Mach doch Yoga, entspann dich doch endlich mal, mach autogenes Training! Na danke! Die Ursache des Problems wird hier nicht erkannt. Versuche ich dann nach dieser Entspannungs-Auszeit wieder wie zuvor zu leben und den gleichen Ansprüchen wie zuvor zu genügen, ist die nächste Down-Phase doch vorprogrammiert – ein Teufelskreis! Diesen zu verlassen erfordert Selbstannahme, Selbstbewusstsein, Selbstliebe, das Erkennen eigener Bedürfnisse, ein wohlgesonnenes Umfeld, Integration der Hochsensibilität in den Alltag, Rücksicht auf mich selbst und andere – und sehr viel Mut.

Auf geht’s… Lasst uns gemeinsam mutig ins Jahr 2016 starten!

Alles Liebe & Gute Euch,
Julia

PS.: Piep!