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Eine interessante Erfahrung

Sie nannten es liebevoll das Stockspiel.

Für mich hörte sich das zunächst recht ruppig, kantig und eckig an. Ein Spiel mit einem Stock. Aha. Da geht man doch erstmal am Stock… k k k…

Vor ein paar Wochen war ich in Stuttgart bei einem Seminar für GfK (Gewaltfreie Kommunikation). Das Stockspiel hat mich im Nachhinein so einiges gelehrt und taucht noch jetzt in einigen Situationen meines Alltags auf. Es hat sich sozusagen irgendwo in meinem Gehirn verankert. Ganz fest. Und das ist gut so 🙂

Jeder der ca. 30 Teilnehmer bekam einen Holzstock, der ca. einen Meter lang und 2 cm dick war. Zuerst durfte man sich mit diesem „anfreunden“. Alle 30 Teilnehmer standen im Raum verteilt, die Stühle und sonstiges waren beiseite gerückt.

Klackerdiklack… Ja – war man unachtsam, so fiel ein solcher Stock auch mal zu Boden 😉

Danach ging man mit dem Stock von der einen zur anderen Hand werfend durch den Raum und musste einfach nur aufpassen, dass man keinen anderen umrempelte, der da auch mit seinem Stock unterwegs war. Die Laufgeschwindigkeit wurde variiert, zuerst langsam, am Ende dann ganz schnell durch die Meute hindurch.

Das waren alles nur Übungen zum Aufwärmen 😉

Nun wurden 2 gegenüberliegende Reihen gebildet, die sich anschauten. Ich hatte also mein Gegenüber, einen Nachbarn links und einen rechts. Das ganze war recht kuschelig – der Abstand zu links und rechts war nicht ganz so großzügig… Nun durften wir Kontakt zum Gegenüber aufnehmen und uns die Stöcke in vertikaler Haltung zuwerfen. Erst gleichmäßig aufeinander einschwingend. Bis zum Ende hin unerwartet und auch antäuschend. Kommt der Stock jetzt oder kommt er nicht? Werfe ich ihn oder werfe ich ihn nicht? Haha, das war meins 😉 Es kam aber noch sehr viel lustiger…

Mit jeder Übung rückten die Personen der einen Reihe einen Platz weiter und so bekam man jedes Mal einen neuen Partner. Nun sollten wir uns wieder die Stöcke zuwerfen – aber dabei schön schauen, ob die Nachbarn links und rechts noch da sind. Sie also zusätzlich noch kurz anrempeln oder mit der Hand anstubsen und aktiv fragen, ob sie noch da seien – mit Antwort geben natürlich. Das i-Tüpfelchen war dann noch, dass hinter unserer Reihe 3 „Helfer“ unterwegs waren, auf die wir achten und immer in der Wahrnehmung haben sollten. Ansonsten wurde man erschreckt.

Also: gleichzeitige Aufmerksamkeit auf 1) mich selbst, 2) auf meinen Partner und den Stock, 3) auf die Nachbarn links und rechts, die man anhaute und von denen man angehaut wurde und 4) auf die Erschrecker, die ab und an mal vorbeilauschten. Einmal konnte man mich tatsächlich erschrecken. Diese Übung war perfekt. Warum? Weil mir bewusst wurde, wie eng manchmal mein Wahrnehmungshorizont im Alltag ist. Wie sehr es sich lohnen kann, auch mal das Wahrnehmungsfeld zu ändern und eine Weite zuzulassen. Das befreit irgendwie und lässt andere Perspektiven zu 🙂 Nicht zu lange und steif zu sehr im Innen oder Außen zu verweilen. Sondern aktiv unterschiedliche Perspektiven einnehmen – ganz einfach, tänzelnd, spielerisch, locker. Mit Freude und Begeisterung geht es wirklich leichter…

Diese Übung war für mich sehr einprägsam. Nicht nur, weil sie mich an die Grenzen meiner Wahrnehmung brachte – nein, auch weil mir der Stock von der Nachbarin rechts auf meinen linken Fuß fiel. Autsch! Ein paar Tage später hatte ich diesen Vorfall vergessen – und wunderte mich über einen blauen Fleck am großen Fußzeh – die Erinnerung kam dann aber irgendwann. Und ich musste grinsen 😉 Ah ja, das war tatsächlich der Stock… Wieso sollte man sonst einen blauen Flecken am Zehen davontragen? Doof! Dauert ja ewig, bis der wieder weg ist. Aber auch irgendwie lustig… Der bleibt jetzt noch eine Weile bei mir, der blaue Fleck.

Die letzte Übung war für mich wohl die lehrreichste. Wir sollten dieses Mal versuchen, wenn 2 Partner ihre beiden Stöcke austauschen, also hin- und herwarfen, ihnen das Spiel etwas verderben und dazwischengehen. Das Spiel in irgendeiner Art und Weise vermiesen. So das Szenario. Eigentlich sollte man sich so verhalten, wie man sich normalerweise nicht verhält. Damit man mal spürt wie es ist, die „Seite“ zu wechseln. Also in einer Dreier- oder was auch immer Formation ungewohnte Verhaltensweisen einüben.

Nun ja – das habe ich gemacht. Ihr werdet euch jetzt fragen, was ich genau gemacht habe. Ich habe mir vorgenommen, 2 Spielenden einen Stock wegzunehmen und einfach weiterzulaufen. Das habe ich gemacht. Hatte dann 2 Stöcke in der Hand, drehte mich weg, war voll auf mich selbst konzentriert und erwartete, dass mir sofort jemand hinterherlief und den Stock einforderte. Was geschah? Nichts!!! Es geschah nichts. Ich lief weiter, wunderte mich kurz und weiter ging es in der Stöckesammlung. Es wurde immer lustiger – denn die Leute der nächsten Gruppe hatten schon alle einen verschmitzten Blick drauf, als ich dann mit 3 Stöcken ankam… Etwas doof kam ich mir dann schon vor. Aber irgendwie machte das Spaß. Beim 4. Stock wurde mir dann doch langweilig. Alleine mit 4 Stöcken… Na toll. Ich wollte wieder spielen. Etwas spielerisch freudiger Kontakt wäre dann doch nicht ganz so übel…

Diese Übung hat mir etwas zu denken gegeben. Ende der Geschichte.