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Eine Hochsensible kürt sich zur stillen Heldin, denn…

…sie war zum aller-aller-ersten Mal Blutspenden!!!

Oh ja, ihr habt richtig gelesen – ich war vor 3 Wochen zum 1. Mal bei der Blutspende und war hinterher stolz wie Oskar, dass ich das so tapfer überstanden habe 🙂 Insgeheim habe ich mich tatsächlich gefragt, warum ich da nicht schon früher hingegangen bin!?!

Nun – was waren bisher die Gründe, die mich davon abgehalten haben? Ich geh nicht gern zum Arzt und ich lasse mich überhaupt nicht gerne pieksen. Nun ja – es geht eigentlich – solange ich da nicht hinschauen muss und mein Blut nicht sehen muss, geht das eigentlich schon. Dann habe ich mir wahrscheinlich noch nicht wirklich so viele Gedanken darüber gemacht, wie wichtig das Ganze eigentlich ist. Ich war zwar noch nie im Krankenhaus und habe selbst noch keine Bluttransfusion nötig gehabt, aber wer weiß… Zum anderen redet man kaum über Blutspenden im Bekanntenkreis – zumindest bei mir nicht. Wir reden über alles mögliche – warum nicht über das Thema? Hmmm…

Nun ja – am 10. Juli war es dann endlich soweit. Eine Kollegin war tatsächlich die Schuldige, warum ich da überhaupt mit bin. Denn ich bin ein Angsthase, was diese Dinge angeht. Da muss man vorher zum Arzt-Check und bekommt womöglich gesagt, dass man aus irgendwelchen Gründen nicht Blutspenden darf. Oder andere unangenehme Dinge könnten ans Tageslicht kommen. Was, wenn mein Blut nicht in Ordnung ist? Hochsensible machen sich ja über alles so ihre Gedanken und treffen manchmal Annahmen, die es eigentlich gar nicht wert sind 😉 Manchmal hilft einem das Motto: „Nicht darüber reden – einfach machen!!!“

Das Gute danach ist ja tatsächlich, dass man sein Blut gecheckt und hinterher auch seine Blutgruppe und den Rhesusfaktor mitgeteilt bekommt.

Meine Kollegin geht regelmäßig Blutspenden und weiß mittlerweile, an welchen Anlaufstellen man sich auch als Hochsensible wohlfühlt und wo die Leute in Ordnung sind. Prompt bekam ich von ihr einen Outlook-Termin geschickt für die Blutspende in Kronau.

Also zogen wir direkt nach der Arbeit an einem Freitag gemeinsam los und fuhren zur Grundschule nach Kronau. Dort angekommen musste ich erstmal meinen Personalausweis vorzeigen. „Ah – Sie sind Erstspender.“ – „Ja“ – Das Gesicht der freundlichen Frau vom Deutschen Roten Kreuz begann herzlich zu lächeln – anscheinend sind Erstspender nicht so oft anzutreffen. Nun – das mit dem Lächeln ging bei allen Helfern einfach so weiter, die erfuhren, dass sie es mit einer Erstspenderin zu tun hatten. Auch gut – da ist man zumindest etwas in Watte gepackt und erträgt das Ganze leichter 🙂 Ja – richtig gelesen – ertragen. Wenn Hochsensible etwas zum ersten Mal machen, dann ist gaaaaaaanz oft – egal, ob der Termin angenehm ist oder nicht – Aufregung und Herzklopfen dabei.

So – jetzt bekam ich erstmal sehr viele Zettel zum Ausfüllen und durfte sehr viele Fragen beantworten, wie es denn um meine Gesundheit so steht. Danach bekam ich dann einen anderen Zettel mit meinen Daten und gaaaanz vielen Barcode-Aufklebern in die Hand gedrückt, damit die später auch noch zuordnen können, wem denn nun diese Blutproben gehören.

So – nächster Stopp – der Check beim Arzt. Die hatten dort drei Ärzte in verschiedenen Räumen sitzen. Ich wurde ins hinterste Zimmer gerufen – dort wartete eine blonde, langhaarige Ärztin auf mich, die einen sehr guten, beruhigenden und sanftmütigen Eindruck auf mich machte. Genau das brauchte ich in diesem Moment – danke dafür 🙂 Sehr einfühlsam und ruhig stellte sie mir die Fragen und erklärte mir auch gewisse Dinge. „Nun Frau Bender, wann haben Sie denn heute das letzte Mal gegessen?“ – „Hm, das war heute Mittag kurz vor Zwölf…“ – „Oh – das ist aber schlecht. – Essen Sie vor der Spende noch unbedingt etwas!“ Und so kam ich – obwohl noch kein Tröpfchen Blut gespendet – zu einer Portion leckerem Wurstsalat mit Brot bereits vor der Spende ;-))) Noch etwas Wasser hinterher und dann ging es in den großen Saal mit den vielen Liegen. Diese waren fast alle belegt mit lauter Helden, die ihr Blut für eine gute Sache spendeten.

Ich wusste, was jetzt kam – der kleine Pieks 😉 Ich setzte mich zu einer DRK-Helferin und diese musste eine Blutprobe an meinem Finger entnehmen um festzustellen, wie mein Hämoglobin-Wert (HB-Wert) ist. Dann kamen meine Aufkleber zum Einsatz und wurden auf die kleinen Reagenzgläschen geklebt. Ganz wichtig ist auch die Frage nach dem Geburtstdatum – gefühlt wurde ich mindestens 10 mal danach gefragt. Man will ja schließlich alles richtig zuordnen können. Sehr gut! Nun bekam ich das Kästchen mit den vielen Reagenzgläschen und dem Behälter, den später mein Blut füllen wird. Weiter zur nächsten Station…

Ich wurde von einer freundlichen DRK-Ehrenamtlichen in Empfang genommen und kam auf eine Liege – ich bevorzugte meinen rechten Arm – der war mir irgendwie lieber. So – nun kam dann die Aufforderung, sobald die Nadel sich in meinen Venen befindet, meine Hand zu einer Faust zu ballen und wieder auf… Diese immerwährende Bewegung führt dazu, dass das Blut schneller fließt und somit die Blutspende auch nicht all zu lange dauert 😉

Ich weiß mittlerweile was ich tun muss, wenn ich gepiekst werde… Ich versuche zu relaxen. Da es wohl ein Klassenraum der Grundschule war in dem ich lag, hingen oben an der Wand schöne Bilder. Und Musiknoten waren auch zu erkennen – ja wunderbar, wie für mich gemacht 🙂 Außerdem habe ich versucht, mich ganz auf die Personen einzulassen, die mir beim Liegen und Blutspenden so begegneten. Hihi – die sausten etwas um mich herum – hatte ich das Gefühl – da sie entzückt waren, eine Erstpenderin auf der Liege vorzufinden 😉 Da ich bei sowas grundsätzlich immer aufgeregt bin, versuche ich mit den Leuten ruhig ins Gespräch zu kommen. Das war wirklich gut so – denn die Zeit vergeht schneller und man bekommt interessante Details geliefert. Meine Piekserin erklärte mir dann, was mit meiner Blutspende genau passiert – in welche Teile diese aufgeteilt wird und in welchem Zeitraum das alles geschehen muss. Ach ja – und während mein Blut floss gab es auf meiner rechten Seite eine digitale Anzeige, wieviel Milliliter Blut ich denn schon gespendet habe – super 🙂 Insgesamt wird einem ungefähr ein halber Liter Blut abgezapft. Ein Mensch besitzt so viel Blut wie ungefähr 8% seines Körpergewichts. Eine 70 Kilo schwere Frau hat also ungefähr 5-6 Liter Blut.

Hand auf – Hand zu – Hand auf – Hand zu… Immer und immer wieder. Ich achtete darauf, schön tief und gleichmäßig zu atmen. Mein Körper hat schon gemerkt, dass ihm da etwas abhanden kommt. Nun – mein Pulsschlag wurde auch etwas höher und ich merkte, dass mein Arm bzw. meine Beine etwas zu kribbeln anfingen. Ich habe das natürlich gleich meiner Helferin nebenan gesagt und alles war gut 😉 Und weiter ging es… „So – da sind wir auch schon fertig. Haben Sie sich eigentlich vorbereitet auf die Blutspende?“ – „Ja, ich habe viel getrunken während des Tages.“ – „Na, das hat man gemerkt!“ 🙂 Hehe…

So – jetzt bekam ich die Einstichstelle versorgt und einen kleinen Verband drumherum und durfte erstmal draufdrücken. Arm hoch und draufdrücken. Aber dabei liegenbleiben – ganz wichtig. Ich bin lieber etwas länger liegengeblieben und habe schön auf meinen Körper gehört, was er mir denn zu sagen hat 😉

Nach 10 Minuten holte mich dann ein wiederum sehr freundlicher Ehrenamtlicher ab und brachte mich – wohin wohl – zur nächsten Liege 😉 Erstspender dürfen bzw. sollen sich extra ausruhen dürfen. Ich war zugegebenermaßen auch noch etwas vorsichtig unterwegs. Von daher nochmal liegen. Ich war soooooooo stolz auf mich, das glaubt ihr gar nicht – stolz wie Oskar!!!

Nach 10 Minuten entließ mich dann ein weiterer Helfer zum Essensbuffet – Schlaraffenland!!! Dort bekam ich einen wunderbaren Käseteller gereicht mit allerlei Käsesorten, Butter, Tomaten und Brot. Dann gab es noch frisches Obst, Kuchen und natürlich auch zu Trinken. So blieb an diesem Abend meine Küche sauber 🙂

Meine Kollegin und ich haben uns dieses Essen wohlverdient und ließen es uns schmecken – Mampf! Mit Sport muss ich jetzt noch 1-2 Tage warten – das wusste ich vorher und habe mich darauf eingestellt.

Ich dachte an all die Menschen, die gerade Bluttransfusionen bekommen bzw. an Krebskranke in der Chemotherapie… Ja – und sogar an die wie wild durch die Gegend fahrenden Motorradfahrer dachte ich auch…

Ich wünsche niemandem, dass er irgendwann einmal auf Spenderblut angewiesen ist – aber wenn, dann ist für Nachschub gesorgt dank all der Blutspender und der vielen Ehrenamtlichen, ohne die eine Blutspendeaktion nicht möglich wäre.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen unfallfreien Sommer und bis zum nächsten Mal,
Julia

PS.: Ein großer Dank meiner Kollegin, die mich zu der Blutspende mitgenommen und mir damit einen sehr großen Gefallen getan hat. Ein weiterer Dank gilt allen Ehrenamtlichen des DRK Kronau – eine tolle Mannschaft seid ihr! Und wenn das eine Hochsensible von sich gibt, dann ist da auch tatsächlich was dran 😉 Und das Essen hat sehr gut geschmeckt!

PPS.: Wie ich mich auf eine Blutspende vorbereite

PPPS.: Ablauf einer Blutspende

Gastbeitrag: Persönliche Gedanken…

… zum Blog „Der Rückkopplungs-Effekt bei Hochsensiblen“.

Liebe Julia,

Eine Freundin von dir schrieb im oben genannten Blog, der Umgang mit Hochsensiblen sei überhaupt nicht schwierig, sondern außerordentlich angenehm. Besonders dem zweiten Teil der Aussage schließe ich mich mit Freuden an, doch der erste Teil stimmt zumindest für mich nicht so ganz; das direkte Umfeld von Hochsensiblen muss einiges lernen und manchmal auch einiges ertragen…

Wieso ich hier schreibe? Weil ich denke, dass ich vielleicht für beide Seiten ein paar wertvolle Anstöße geben kann…

Was geht denn alles in mir normalsensiblen Menschen vor, wenn der hochsensible Mensch gegenüber, den man sehr mag, schlecht drauf ist? – Wie wirkt sich die schlechte Stimmung und das Sich-Selbst-Nicht-Mögen des Hochsensiblen auf mich selber aus?

Schlechte Stimmung von lieben Menschen in der direkten Umgebung sorgt auch bei mir als Normalsensiblen für einen Rückkopplungs-Effekt. Natürlich will man wissen, was los ist. Vor allem will ich ja auch helfen oder trösten. – Und noch schlimmer: Ich beginne, diese Stimmung auf mich selber zu beziehen: Was habe ich falsch gemacht; habe ich was Dummes gesagt? – Und wenn dann meine Stimmung kippt oder meine Ratlosigkeit offenkundig wird, sorgt das für einen weiteren Rückkopplungs-Effekt beim hochsensiblen Menschen (ab jetzt „du“ genannt), der jetzt auch noch für meine Stimmung verantwortlich ist und sich deswegen nur noch schlechter fühlt. Blöd…

Es gibt so ein paar Standard-Situationen, die zu bösen Fallen werden können:

— Erstes Beispiel: Ich laufe dir morgens über den Weg, habe mich darauf gefreut, dich zu treffen, habe jede Menge Neuigkeiten und Geschichten zu erzählen, laufe bildlich gesprochen über und merke, dass dich das alles nicht interessiert oder erreicht: Scherze kommen nicht an, lustige Geschichten (‚Ach, das wollte ich dir noch erzählen…‘) laufen ins Leere und vor allem merke ich, dass du den Kontakt (insbesondere den Blickkontakt) zu mir meidest. Autsch! Das tut weh! – Ich frage mich sofort: Was hab ich denn jetzt wieder falsch gemacht? Gestern war doch alles gut!?

— Zweites Beispiel: Ich merke, dass die Stimmung nicht gut ist, versuche ein aufmunterndes Lächeln oder einen lieben Blick und merke, dass das bei dir gar nicht ankommt. – Aua! Was ist denn los? Ich will dir doch zuhören, trösten, helfen, …

Nun kippt meine Stimmung auch. Dann helfen mir ein paar Tipps, damit klarzukommen und die Zeit zu überbrücken, bis es dir wieder besser geht. Denn bei dir kommt ja nach dem Regen bald der Sonnenschein zurück und da werde ich dann reichhaltig entschädigt… 😉

Was ich bisher gelernt habe:

— Es geht ja gar nicht gegen mich! Ich darf dein Verhalten nicht auf mich beziehen. Ich habe höchstwahrscheinlich gar nichts falsch gemacht, kann aber jetzt tatsächlich Fehler vermeiden.

— Wenn ich dir helfen will, muss ich mit anderen Mitteln helfen: Mich selber zurückziehen, vielleicht kann ich dir ja eine Zeit lang aus dem Weg gehen.

— Mich selber zurücknehmen. Auch wenn ich jetzt gerne mit dir reden oder blödeln möchte, verschiebe ich das einfach auf unbestimmte Zeit. Ich muss einfach einen anderen Rhythmus mit dir lernen. Meine Geschichte und Scherze kann ich mir ja aufheben; die kommen irgendwann dann auch wieder besser bei dir an…

— Schweigen! Jaja, gar nicht nachfragen, so schwer es auch fällt. Damit mir das gelingt, muss ich dir sagen oder zeigen, dass ich da bin und jederzeit bereit bin, dir zu helfen, zu trösten oder zuzuhören – oder zu schweigen (ja, das müssen wir noch üben!). Wichtig ist mir, zu wissen, dass du weißt, warum ich mich jetzt selber zurückziehe und dass ich trotzdem für dich da bin!

— Routine! Es fällt mir sehr schwer, eine wie auch immer geartete Art von Routine zu leben, wenn es dir schlecht geht! Aber ich kann es ja versuchen. Auch das können wir noch üben.

— Achtung! Ich muss auch auf mich selber achtgeben! Ich muss mich selber schützen und zurückziehen. Antennen einfahren und in den Ruhemodus schalten…

Es war gar nicht so einfach, diese neuen Erkenntnisse zu erlangen und vor allem auch umzusetzen – es ist eine ständige Übung – wie Etüden-Spielen in der Musik! Das dauert ein Weilchen und klappt auch leider nicht immer. Aber es wird mit der Zeit immer besser, wenn man sich in solchen Situationen aufeinander einschwingt.

Aber noch viel wichtiger ist, gegenseitiges Vertrauen zu fassen, um sich gegenseitig zu verstehen und Verletzungen zu vermeiden. Auch Normalsensible können einiges von dem verstehen, was in Hochsensiblen vorgeht. Bilder wie der Knautschball oder Beispiele von konkreten Situationen können dabei gut helfen.

Nur wenn die direkte Umwelt von Hochsensiblen den hochsensiblen Menschen zumindest teilweise versteht, kann diese Umwelt auch entsprechend reagieren und unterstützen.

Vor allem müssen auch diese Überstimulations-Phasen gemeinsam verstanden werden. Wenn man diese Situationen vorher oder nachher durchspricht und analysiert, kann man gemeinsame Wege finden, damit umzugehen. Das gemeinsame Lernen kann ja auch für beide Seiten sehr bereichernd und spannend sein!

Wir haben ja schon viel gelernt; hier ein paar Beispiele. Da kommt sicher noch mehr; aber das ist schon einmal ein Anfang.

— Early Warning! Du hilfst mir ungemein, mich frühzeitig oder gar vorher irgendwie zu informieren, dass heute nicht dein Tag ist. Sag mir einfach, dass ich dich heute in Ruhe lassen soll. Das tut zwar durchaus weh, aber wenn du das nicht tust, renne ich ins offene Messer und das ist noch viel schmerzhafter für uns beide.

— Klare Ansage! Sag einfach, ob und wie ich dir helfen kann oder wie ich agieren soll. Du brauchst keine Angst zu haben, dass ich böse bin, wenn du mich wegschickst; du brauchst auch keine Sorge zu haben, dass ich deine Bedürfnisse nicht verstehe; vor allem brauchst du dich in Phasen, in denen es dir schlecht geht, nicht darum zu kümmern, ob es mich schmerzt, was du sagst oder tust, denn ich kann abstrahieren und ich kann deine Stimmung einordnen.

— No Mask! Du brauchst mir gegenüber nie eine Maske aufzusetzen. Ich mag deine Maske nicht, denn das bist nicht du! Dass du die Maske anderen gegenüber brauchst, weiß ich und verstehe ich ja, aber bei mir brauchst du sie nicht! – Vor allem sehe ich dann später auch gleich, wenn es dir wieder besser geht!

— Shut Up! Sag mir einfach, wenn ich schweigen soll. Wir können auch gemeinsam schweigen lernen… – Und wenn du Ruhe brauchst, sag das einfach! Ich bin dann still und zieh mich gegebenenfalls zurück!

— Don’t Explain! Du brauchst mir nichts erklären, wenn es dir nicht gut geht! Ich weiß doch schon genug von dir, um zu verstehen und um ohne Worte einfach da zu sein. Du brauchst bei mir keine Angst vor dem Erklären haben, denn ich habe ja schon verstanden, dass du in dieser Situation nichts erklären kannst und willst.

— Talk to Me! Ich weiß, dass du in der akuten Überstimulation nicht darüber reden kannst. Aber ich denke, du solltest nicht immer alles mit dir selber ausmachen! Sprech doch – sofern es geht – einfach über das, was dich bedrückt, lass die Gedanken überlaufen oder die Tränen fließen; lade einfach ein wenig von dir ab, was auf dir lastet; das wird dir vielleicht helfen und dafür sind doch Freunde da! Ich werde schon merken, wann ich etwas dazu sagen soll und wann ich einfach nichts sagen soll… – Das wird sicher nicht immer etwas bringen, aber manchmal, so hoffe ich, wird dir das helfen!

— Do it Together! Lass uns gemeinsam weiterlernen; so kann der gegenseitige Umgang nur besser und immer angenehmer werden!

Was ich aber immer noch nicht weiß, ist, wie ich dir helfen kann, dich wieder selber zu mögen, wenn du dich nicht mehr magst. Schade, dass es nicht einfach hilft, dir zu sagen, warum ich dich mag (das würde aber auch ein ziemlich langer Monolog werden)! – Oder vielleicht hilft dir das Bild von dem Topf mit den vielen bunten Steinen, die schöne Erlebnisse und positive Erfahrungen widerspiegeln.

Was mich persönlich betrifft, habe ich nicht nur im Umgang mit dir viel gelernt. Seit wir über das Thema Hochsensibilität sprechen, werde auch ich wieder viel empfindsamer und aufmerksamer, nehme viel mehr Gefühle in mir wahr und partizipiere und profitiere sehr von deiner Hochsensibilität. Ich nehme wieder viel mehr Nuancen im Miteinander und im Leben allgemein wahr und kann die schönen Dinge im Leben noch intensiver genießen. Insofern möchte ich mich doch der Aussage deiner Freundin anschließen: Der Umgang mit dir ist überhaupt nicht schwierig, sondern außerordentlich angenehm! 🙂

Ein Freund.

Der Rückkopplungs-Effekt bei Hochsensiblen

…oder: wie man einem Hochsensiblen in der Überstimulation / bei Stress helfen kann

Zuallererst möchte ich mich bei meinen drei besten Freunden bedanken – ich denke, jede/r von ihnen weiß, dass er/sie gemeint ist 🙂 Ich drücke euch alle mal ganz fest *DRÜCK*

Warum bedanken? Dafür, dass man mit euch jeden Quatsch machen kann, mit euch über alles reden kann und ihr auch in schweren Stunden für mich da seid. DANKE!

Nun aber zu einem – zumindest für mich – interessanten Thema: Dem Rückkopplungs-Effekt bei Hochsensiblen.

Eines vorweg: Ich beschreibe diesen Effekt aus meiner ganz persönlichen Sicht und dies bedeutet nicht, dass dies auf jeden Hochsensiblen zutreffen muss. Ich wäre auch sehr dankbar für Kommentare jeglicher Art, die zu diesem Thema hier beitragen.

Also – mir geht dieses sehr anschauliche Bild nicht mehr aus dem Kopf. Mir geht es im Moment nicht besonders gut, da sich bei mir sehr viel angestaut hat – heute und auch die ganze Woche über – aber ich muss dieses Bild jetzt unbedingt beschreiben, ansonsten platze ich 😉

Also – wir alle kennen den Rückkopplungs-Effekt erzeugt durch einen Lautsprecher. Hier ein Auszug aus Wikipedia:

Als Akustische Rückkopplung oder Feedback bezeichnet man einen Audio-Effekt, bei dem das Signal eines Schallempfängers über Lautsprecherbox wiedergegeben wird und nochmal als Schall empfangen wird. Dadurch wird das erneut empfangene Signal wieder ausgegeben, usw. Die bekannteste Folge ist ein charakteristisches, meist als schrill empfundenes Pfeifen. „

Genau dieses Beispiel lässt sich auch auf die Hochsensiblen-Welt übertragen: Geht es einem Hochsensiblen aufgrund Überstimulation / Reizüberflutung schlecht und strömen weitere Reize von außen ein, z.B. besorgte Freunde / Kollegen / Verwandte /…, die natürlich und verständlicherweise wissen wollen, wie es denn demjenigen geht, dann baut das die Überstimulation noch weiter auf. Durch dieses bohrende Fragen von außen werden dem Hochsensiblen noch mehr Reize gesetzt und der Hochsensible wird dadurch im wahrsten Sinne des Wortes noch gereizter bzw. kehrt sich immer weiter nach innen. Der Hochsensible sieht dann auch, dass ihm nahestehende und liebe Menschen sich um ihn sorgen und besorgt schauen bzw. dann selbst traurig werden – das wiederum zieht den Hochsensiblen auch wieder nach unten, neue Reize, usw. Manchmal ist es auch so, je hochgradiger die Überstimulation gerade ist, desto weniger möchte ein Hochsensibler darüber sprechen und schottet sich ab – was ist die Folge? Die Außenwelt, die das natürlich überhaupt nicht versteht – fragt weiter und weiter und weiter nach. Ist doch klar, dass die wissen wollen, was los ist. Aber das Schlimme ist: der Hochsensible KANN sich gerade nicht ausdrücken und benötigt UNBEDINGT seine Ruhe, damit sich alle angestauten Reize abbauen können und er irgendwann wieder in der Lage ist, sich zu artikulieren. Hochsensible, die gar nicht wissen dass sie hochsensibel sind, verzweifeln in dieser Situation fast an sich selbst und können gar nicht anders als zu denken, an ihnen ist irgendetwas falsch. Schlimmstenfalls endet der Rückkopplungs-Effekt beim Lautsprecher mit einem unerträglich schrillen Pfeifen… Der Hochsensible kehrt sich entweder ganz nach innen und schlimmstenfalls hasst er sich selbst für die gesamte Situation und kämpft gegen sich selbst – oder der Hochsensible explodiert und faucht / brüllt / schreit denjenigen an, der gerade den letzten Tropfen beigesteuert hat, um das Fass zum Überlaufen zu bringen…

Mir selbst ging es am Montag richtig, richtig schlecht. Mein Zustand war an Überstimuliertheit nicht mehr zu übertreffen. Auf Dienstag schlecht geschlafen und morgens ging es mir nicht wirklich besser.

An diesem Tag war ich einfach nur überreizt, gereizt, traurig, bedröppelt… Ich wusste, ich sehe nicht wirklich gut aus – aber versuche trotzdem, mich durch den Tag zu kämpfen.

Was dachte ich? Hoffentlich spricht mich niemand bezüglich meiner Verfassung an. Falls doch, setze ich eine Maske auf und tue das Ganze so ab, als ob ich schlecht geschlafen hätte. Hab ich ja auch – aber da ist ja noch viel mehr…

Aber warum diese Reaktion meinerseits?

Ich möchte eine Rückkopplung vermeiden. In diesem Falle ist mein Gegenüber das Mikrofon und ich der Lautsprecher. Das Mikrofon äh… mein Gegenüber versucht durch weitere Fragen zu erkundschaften, wie es mir geht und warum es mir schlecht geht. Das ist eine ganz normale Reaktion auf das, was man sieht. Die anderen – sofern es sie wirklich interessiert wie es mir geht – wollen tatsächlich und dankenswerterweise nur helfen. Aber wie gesagt: In genau dieser Situation ist einem Hochsensiblen überhaupt nicht nach Reden zumute, schon gar nicht darüber zu reden, warum es ihm gerade so mies geht. Viele können sich in dieser akuten Situation nicht ausdrücken und schlimmstenfalls – falls das mit dem Aufsetzen der Maske gar nicht klappt – enden mit einem Heulkrampf irgendwo in der Ecke, auf dem Klo oder sonstwo und sind die nächste Stunde zu gar nichts mehr fähig.

Deshalb hier ein paar Punkte für Menschen, die einem verzweifelten Hochsensiblen in einer akuten Situation helfen möchten:

___dem Hochsensiblen kurz ankündigen, dass man ihm gerne helfen möchte und jederzeit für ein Gespräch offen ist – sich dann zurückziehen und dem Hochsensiblen die Wahl lassen, wann er darüber reden möchte

___Hunger, Durst & Müdigkeit sind auch Reize; den Hochsensiblen fragen, ob er genug gegessen / getrunken hat und ihm evtl. was anbieten; oft hat man in dieser Situation nicht mal mehr die Kraft, sich selbst zu versorgen bzw. um sich selbst zu kümmern (so unglaublich wie das jetzt klingen mag). Dem Hochsensiblen ans Herz legen, heute früh ins Bett zu gehen.

___Routine ermöglichen; mir selbst hat geholfen, meinen Tag wie immer zu beginnen und weiterzuführen – auch wenn ich eine Maske aufsetzen musste, nun, gerade deshalb habe ich eine Maske aufgesetzt, um keine weiteren, unbekannten Störungen aufkommen zu lassen

___so schwer es auch fallen mag: Es ist von unglaublichem Wert, dass der Helfer sich selbst bleibt und so wie immer agiert. Jegliche außerordentlichen Reaktionen stellen weitere neue Reize für den Hochsensiblen dar. Das ist in der Tat eine unglaubliche Herausforderung, da man ja eigentlich helfen möchte!!!

___je nachdem: Mit dem Hochsensiblen rausgehen an die frische Luft, in die Natur, in die Sonne und Spazierengehen bzw. sich hinsetzen – ohne zu reden. Das klappt allerdings nicht beim ersten Mal 😉 bzw. es bedarf einer gewissen Vertrautheit, damit man das so durchführen kann. Viele Leute sind es einfach gewohnt, dass man über etwas spricht, wenn man Probleme hat. Aber beim Hochsensiblen ist das in einer Akutphase nicht unbedingt der Fall.

___den Hochsensiblen zu keiner Reaktion zwingen: „Jetzt sag doch mal was“, „Hey, was ist denn los?“, „Wenn du nicht sagst, was los ist, kann ich dir leider nicht helfen“. Zur allergrößten Not erfinden Hochsensible irgendetwas, damit der andere einfach nur Ruhe gibt – das hilft langfristig aber auch nicht wirklich. Boah, ich bekomme gerade beim Schreiben neue Erkenntnisse, unglaublich, oder? Eine wahre Freude am Samstag morgen…

Und jetzt ein paar Tipps, wie Hochsensible ihre Umgebung auf diese Akutsituationen einstellen / vorbereiten kann:

___Freunde / Verwandte / Kollegen, die über unsere besondere Charaktereigenschaft Bescheid wissen und die wir in dieser Phase antreffen, kurz ankündigen, wie ungut die aktuelle Stimmungslage ist – so wissen sie dann gleich Bescheid und können sich auf die Situation einstellen

___nahe Freunde / Verwandte / Kollegen in die Thematik der Hochsensibilität einweihen – ABER: ganz genau abwägen, wem man darüber erzählt. Das Thema ist leider noch zu jung, um eine breite Akzeptanz in der Gesellschaft zu erfahren. Vielleicht am Anfang nicht das Wort Hochsensibiltät benutzen, sondern mehr an praktischen Beispielen erklären, warum man wie reagiert. Nahestehende Personen wollen einem wirklich helfen, und da ist es – so finde ich – auch ihr gutes Recht, über dieses besondere Merkmal Bescheid zu wissen. Vielleicht hilft euch dazu ja auch das Bild vom Knautschball. Es tut zumindest mir persönlich gut, dass sehr gute Freunde von mir wissen, dass ich hochsensibel bin, es ist ein entlastendes Gefühl.

___und hier noch die Hilfe zur Selbsthilfe – kurzfristiglangfristig

Noch ein ganz wichtiger Punkt meinerseits: Ihr seht, dass die oben genannten Punkte bzw. Vereinbarungen gar nicht so selbstverständlich und einfach umzusetzen sind – vor allem, wenn man vorher von Hochsensibilität noch gar nichts gehört hat. Es ist schon fast eine Meisterleistung der Hobby-Psychologie, einem Hochsensiblen genau den Halt zu geben, den er in einer Phase der akuten Überstimulation benötigt.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein wunderschönes Wochenende und passt gut auf euch auf!

Ganz liebe Grüße,

Julia 🙂

PS: Ich habe diesen Beitrag schon am Mittwoch angefangen zu schreiben, aber irgendwie hat mir die Kreativität gefehlt, um zum Abschluss zu kommen. Heute ist Samstag, ich habe geschlafen wie ein Bär, und mir geht es wieder richtig gut.

PPS: Ich weiß, dass man eigentlich „Rückkopplungseffekt“ schreibt anstatt „Rückkopplungs-Effekt“ – aber der besseren Lesbarkeit habe ich mich für den Bindestrich entschieden 🙂

PPPS.: Hier ein Link zur Sicht eines Normalsensiblen und wie dieser den Rückkopplungs-Effekt wahrnimmt.