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Der Rückkopplungs-Effekt bei Hochsensiblen

…oder: wie man einem Hochsensiblen in der Überstimulation / bei Stress helfen kann

Zuallererst möchte ich mich bei meinen drei besten Freunden bedanken – ich denke, jede/r von ihnen weiß, dass er/sie gemeint ist 🙂 Ich drücke euch alle mal ganz fest *DRÜCK*

Warum bedanken? Dafür, dass man mit euch jeden Quatsch machen kann, mit euch über alles reden kann und ihr auch in schweren Stunden für mich da seid. DANKE!

Nun aber zu einem – zumindest für mich – interessanten Thema: Dem Rückkopplungs-Effekt bei Hochsensiblen.

Eines vorweg: Ich beschreibe diesen Effekt aus meiner ganz persönlichen Sicht und dies bedeutet nicht, dass dies auf jeden Hochsensiblen zutreffen muss. Ich wäre auch sehr dankbar für Kommentare jeglicher Art, die zu diesem Thema hier beitragen.

Also – mir geht dieses sehr anschauliche Bild nicht mehr aus dem Kopf. Mir geht es im Moment nicht besonders gut, da sich bei mir sehr viel angestaut hat – heute und auch die ganze Woche über – aber ich muss dieses Bild jetzt unbedingt beschreiben, ansonsten platze ich 😉

Also – wir alle kennen den Rückkopplungs-Effekt erzeugt durch einen Lautsprecher. Hier ein Auszug aus Wikipedia:

Als Akustische Rückkopplung oder Feedback bezeichnet man einen Audio-Effekt, bei dem das Signal eines Schallempfängers über Lautsprecherbox wiedergegeben wird und nochmal als Schall empfangen wird. Dadurch wird das erneut empfangene Signal wieder ausgegeben, usw. Die bekannteste Folge ist ein charakteristisches, meist als schrill empfundenes Pfeifen. „

Genau dieses Beispiel lässt sich auch auf die Hochsensiblen-Welt übertragen: Geht es einem Hochsensiblen aufgrund Überstimulation / Reizüberflutung schlecht und strömen weitere Reize von außen ein, z.B. besorgte Freunde / Kollegen / Verwandte /…, die natürlich und verständlicherweise wissen wollen, wie es denn demjenigen geht, dann baut das die Überstimulation noch weiter auf. Durch dieses bohrende Fragen von außen werden dem Hochsensiblen noch mehr Reize gesetzt und der Hochsensible wird dadurch im wahrsten Sinne des Wortes noch gereizter bzw. kehrt sich immer weiter nach innen. Der Hochsensible sieht dann auch, dass ihm nahestehende und liebe Menschen sich um ihn sorgen und besorgt schauen bzw. dann selbst traurig werden – das wiederum zieht den Hochsensiblen auch wieder nach unten, neue Reize, usw. Manchmal ist es auch so, je hochgradiger die Überstimulation gerade ist, desto weniger möchte ein Hochsensibler darüber sprechen und schottet sich ab – was ist die Folge? Die Außenwelt, die das natürlich überhaupt nicht versteht – fragt weiter und weiter und weiter nach. Ist doch klar, dass die wissen wollen, was los ist. Aber das Schlimme ist: der Hochsensible KANN sich gerade nicht ausdrücken und benötigt UNBEDINGT seine Ruhe, damit sich alle angestauten Reize abbauen können und er irgendwann wieder in der Lage ist, sich zu artikulieren. Hochsensible, die gar nicht wissen dass sie hochsensibel sind, verzweifeln in dieser Situation fast an sich selbst und können gar nicht anders als zu denken, an ihnen ist irgendetwas falsch. Schlimmstenfalls endet der Rückkopplungs-Effekt beim Lautsprecher mit einem unerträglich schrillen Pfeifen… Der Hochsensible kehrt sich entweder ganz nach innen und schlimmstenfalls hasst er sich selbst für die gesamte Situation und kämpft gegen sich selbst – oder der Hochsensible explodiert und faucht / brüllt / schreit denjenigen an, der gerade den letzten Tropfen beigesteuert hat, um das Fass zum Überlaufen zu bringen…

Mir selbst ging es am Montag richtig, richtig schlecht. Mein Zustand war an Überstimuliertheit nicht mehr zu übertreffen. Auf Dienstag schlecht geschlafen und morgens ging es mir nicht wirklich besser.

An diesem Tag war ich einfach nur überreizt, gereizt, traurig, bedröppelt… Ich wusste, ich sehe nicht wirklich gut aus – aber versuche trotzdem, mich durch den Tag zu kämpfen.

Was dachte ich? Hoffentlich spricht mich niemand bezüglich meiner Verfassung an. Falls doch, setze ich eine Maske auf und tue das Ganze so ab, als ob ich schlecht geschlafen hätte. Hab ich ja auch – aber da ist ja noch viel mehr…

Aber warum diese Reaktion meinerseits?

Ich möchte eine Rückkopplung vermeiden. In diesem Falle ist mein Gegenüber das Mikrofon und ich der Lautsprecher. Das Mikrofon äh… mein Gegenüber versucht durch weitere Fragen zu erkundschaften, wie es mir geht und warum es mir schlecht geht. Das ist eine ganz normale Reaktion auf das, was man sieht. Die anderen – sofern es sie wirklich interessiert wie es mir geht – wollen tatsächlich und dankenswerterweise nur helfen. Aber wie gesagt: In genau dieser Situation ist einem Hochsensiblen überhaupt nicht nach Reden zumute, schon gar nicht darüber zu reden, warum es ihm gerade so mies geht. Viele können sich in dieser akuten Situation nicht ausdrücken und schlimmstenfalls – falls das mit dem Aufsetzen der Maske gar nicht klappt – enden mit einem Heulkrampf irgendwo in der Ecke, auf dem Klo oder sonstwo und sind die nächste Stunde zu gar nichts mehr fähig.

Deshalb hier ein paar Punkte für Menschen, die einem verzweifelten Hochsensiblen in einer akuten Situation helfen möchten:

___dem Hochsensiblen kurz ankündigen, dass man ihm gerne helfen möchte und jederzeit für ein Gespräch offen ist – sich dann zurückziehen und dem Hochsensiblen die Wahl lassen, wann er darüber reden möchte

___Hunger, Durst & Müdigkeit sind auch Reize; den Hochsensiblen fragen, ob er genug gegessen / getrunken hat und ihm evtl. was anbieten; oft hat man in dieser Situation nicht mal mehr die Kraft, sich selbst zu versorgen bzw. um sich selbst zu kümmern (so unglaublich wie das jetzt klingen mag). Dem Hochsensiblen ans Herz legen, heute früh ins Bett zu gehen.

___Routine ermöglichen; mir selbst hat geholfen, meinen Tag wie immer zu beginnen und weiterzuführen – auch wenn ich eine Maske aufsetzen musste, nun, gerade deshalb habe ich eine Maske aufgesetzt, um keine weiteren, unbekannten Störungen aufkommen zu lassen

___so schwer es auch fallen mag: Es ist von unglaublichem Wert, dass der Helfer sich selbst bleibt und so wie immer agiert. Jegliche außerordentlichen Reaktionen stellen weitere neue Reize für den Hochsensiblen dar. Das ist in der Tat eine unglaubliche Herausforderung, da man ja eigentlich helfen möchte!!!

___je nachdem: Mit dem Hochsensiblen rausgehen an die frische Luft, in die Natur, in die Sonne und Spazierengehen bzw. sich hinsetzen – ohne zu reden. Das klappt allerdings nicht beim ersten Mal 😉 bzw. es bedarf einer gewissen Vertrautheit, damit man das so durchführen kann. Viele Leute sind es einfach gewohnt, dass man über etwas spricht, wenn man Probleme hat. Aber beim Hochsensiblen ist das in einer Akutphase nicht unbedingt der Fall.

___den Hochsensiblen zu keiner Reaktion zwingen: „Jetzt sag doch mal was“, „Hey, was ist denn los?“, „Wenn du nicht sagst, was los ist, kann ich dir leider nicht helfen“. Zur allergrößten Not erfinden Hochsensible irgendetwas, damit der andere einfach nur Ruhe gibt – das hilft langfristig aber auch nicht wirklich. Boah, ich bekomme gerade beim Schreiben neue Erkenntnisse, unglaublich, oder? Eine wahre Freude am Samstag morgen…

Und jetzt ein paar Tipps, wie Hochsensible ihre Umgebung auf diese Akutsituationen einstellen / vorbereiten kann:

___Freunde / Verwandte / Kollegen, die über unsere besondere Charaktereigenschaft Bescheid wissen und die wir in dieser Phase antreffen, kurz ankündigen, wie ungut die aktuelle Stimmungslage ist – so wissen sie dann gleich Bescheid und können sich auf die Situation einstellen

___nahe Freunde / Verwandte / Kollegen in die Thematik der Hochsensibilität einweihen – ABER: ganz genau abwägen, wem man darüber erzählt. Das Thema ist leider noch zu jung, um eine breite Akzeptanz in der Gesellschaft zu erfahren. Vielleicht am Anfang nicht das Wort Hochsensibiltät benutzen, sondern mehr an praktischen Beispielen erklären, warum man wie reagiert. Nahestehende Personen wollen einem wirklich helfen, und da ist es – so finde ich – auch ihr gutes Recht, über dieses besondere Merkmal Bescheid zu wissen. Vielleicht hilft euch dazu ja auch das Bild vom Knautschball. Es tut zumindest mir persönlich gut, dass sehr gute Freunde von mir wissen, dass ich hochsensibel bin, es ist ein entlastendes Gefühl.

___und hier noch die Hilfe zur Selbsthilfe – kurzfristiglangfristig

Noch ein ganz wichtiger Punkt meinerseits: Ihr seht, dass die oben genannten Punkte bzw. Vereinbarungen gar nicht so selbstverständlich und einfach umzusetzen sind – vor allem, wenn man vorher von Hochsensibilität noch gar nichts gehört hat. Es ist schon fast eine Meisterleistung der Hobby-Psychologie, einem Hochsensiblen genau den Halt zu geben, den er in einer Phase der akuten Überstimulation benötigt.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein wunderschönes Wochenende und passt gut auf euch auf!

Ganz liebe Grüße,

Julia 🙂

PS: Ich habe diesen Beitrag schon am Mittwoch angefangen zu schreiben, aber irgendwie hat mir die Kreativität gefehlt, um zum Abschluss zu kommen. Heute ist Samstag, ich habe geschlafen wie ein Bär, und mir geht es wieder richtig gut.

PPS: Ich weiß, dass man eigentlich „Rückkopplungseffekt“ schreibt anstatt „Rückkopplungs-Effekt“ – aber der besseren Lesbarkeit habe ich mich für den Bindestrich entschieden 🙂

PPPS.: Hier ein Link zur Sicht eines Normalsensiblen und wie dieser den Rückkopplungs-Effekt wahrnimmt.